Welt : Zehetmair-Quartett: Bekenntnishaft

Martin Wilkening

Thomas Zehetmair ist nicht nur einer der ausdrucksstärksten Geiger unserer Zeit, sondern obendrein ein Musiker von verblüffender Vielseitigkeit. So war auch das Spiel in dem Streichquartett, das er 1997 gründete, von Anfang an mehr als nur als nur ein Hobby. Das Zehetmair-Quartett kann sich bei vergleichsweise schmalem Repertoire eine außergewöhnliche Tiefe der Auseinandersetzung mit den Partituren leisten: Unter den namhaften Quartetten ist es heute das einzige, das auswendig spielt. Nun startet ECM eine Reihe von Produktionen mit dem Quartett. Leider enthält die CD nur das erste, 1936 entstandene der beiden Hartmann-Quartette, das allerdings sicher das ergreifendere, originellere Werk ist. Die Koppelung mit Bartóks 4. Quartett von 1928 ist aufschlussreich, weil sie den Einfluss auf Hartmanns Musikdenken belegt und Hartmanns Eigenständigkeit erweist, dessen Werk zwar nicht durchgehend die Dichte der Bartókschen Formulierung gewinnt, ihm aber an Ausdruckskraft ebenbürtig ist. Der jüdische Gesang, der in fugierter Form den ersten Satz eröffnet, besitzt mit seinen Glissandi vom ersten Ton an Bekenntnis-Charakter, ähnlich wie das große Cellosolo des langsamen Satzes. Und der Sarkasmus, den Hartmanns vitalistischer Musizierelan annimmt, trifft genau. Eine auffällige Eigenart des Zehetmair-Quartettes wird durch die CD getreu bewahrt, ein Quartettspiel nämlich, das mit der Gleichberechtigung aller vier Stimmen weit mehr Ernst macht, als man es gewohnt ist. Bei Bartóks Quartett führt dieses Untertauchen der 1.Violine im Quartettsatz gelegentlich zu Irritationen, werden Phrasengliederungen nicht ganz klar, der prestissimo-Satz erscheint zwar unheimlich, aber doch auch etwas gestaltlos. Aber in der Lebendigkeit des Quartettklangs behauptet diese eigenwillige Aufnahme einen ganz eigenen Rang.

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