Zehn Jahre Tsunami : Wie die Fischer in Indien mit der Tragödie umgehen

Zehn Jahre ist es her, seit sich das Meer in Asien in ein wütendes Ungeheuer verwandelte. Die Fischer im südindischen Tamil Nadu hatten sich anfangs nicht mehr getraut, aufs Meer zu fahren. Aber sie mussten von etwas leben.

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Die Fischerdörfer in der Region Nagapattinam wurden damals zerstört.
Die Fischerdörfer in der Region Nagapattinam wurden damals zerstört.Foto: dpa

Er hatte sich geschworen, nie wieder aufs Meer hinauszufahren. Doch ihm blieb nichts anderes übrig. Er habe ja nichts anderes gelernt, sagt der 48-jährige Kalvi. Bereits sein Vater und Großvater seien Fischer gewesen. Um die Hüften hat er ein blau kariertes Tuch gewickelt. Sonne und Seeluft haben seine Haut ausgedörrt. Er kommt aus einem Fischerdorf im Distrikt Nagapattinam im südindischen Tamil Nadu. Wenn sein Kahn auf den Wellen schaukelt, versucht er die Angst zu verdrängen.

Genau zehn Jahre ist es her, als sich das Meer in ein wütendes Ungeheuer verwandelte und Menschen, Hütten und Bäume verschlang. Als das Meer einer 20 Meter hohen Wasserwalze gleich wieder auf die Küste zurollt, beginnen die Menschen um ihr Leben zu rennen. Manche können sich retten. Auf Dächer, auf Wassertanks. Auf Bäume. Andere kommen in den Fluten um. So mächtig ist das entfesselte Wasser, dass es Kinder aus den Armen ihrer Mütter raubt. Hilflos müssen Menschen mit ansehen, wie ihre Liebsten von den Fluten weggerissen werden.

Heute erinnert äußerlich nur noch wenig an den Schreckenstag

Autos, Häuser und Boote wirbeln wie tödliche Geschosse durch die Todeswellen, die sich ins Land fressen. Das Wasserwand zermalmt Häuser und ganze Dörfer, spült durch Nobelhotels, durch Straßen. Eine Tragödie von biblischem Ausmaß spielt sich ab. Binnen wenigen Stunden verlieren 1,7 Millionen Menschen ihre Häuser und ihr Hab und Gut. Und viele verlieren ihre Angehörigen. Auf der Suche nach ihren Eltern irren Tsunami-Waisen durch die verwüsteten Küstenregionen. Weil Straßen zerstört sind, sind viele Regionen abgeschnitten. Nur stückweise wird das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar.

Nagapattinam war der am schlimmsten betroffene Distrikt in Südindien. Damals haben sie Muslime, Christen und Hindus in aller Eile zusammen bestattet, damit die toten Körper nicht in der Sonne verwesen. Heute erinnert äußerlich nur noch wenig an den Schreckenstag. Die Menschen haben ihre Häuser wiederaufgebaut ebenso wie ihre Existenzen. Einige haben Angehörige wiedergefunden, andere hoffen weiter, auch wenn sie wissen, dass es längst keine Hoffnung mehr gibt. Wie Kalvi weigerten sich alle Fischer zunächst, wieder auf See zu fahren. Die Angst war zu groß. „Aber nach ein paar Monaten habe ich realisiert, dass die Regierung uns nicht für immer unterstützen wird“, sagt Kalvi. „Wir müssen ja von etwas leben.“

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