Welt : Zeigt her eure Gene

Die Briten lockern die Regeln für „Designerbabys“ und das Embryo-Screening

Matthias Thibaut[London]

Die für Embryonen zuständige britische Behörde hat am Mittwoch in einer heiß diskutierten Entscheidung die Beschränkungen des so genannten „Embryo- Screenings“ weiter gelockert. Mit der in Deutschland verbotenen genetischen Präimplantationsdiagnostik (PGD) können Erbkrankheiten bei künstlich befruchteten Eizellen identifiziert und die befallenen Embryonen aussortiert werden. Bei einer Tagung in Belfast entschied die britische Aufsichtsbehörde, die „Human Fertilisation and Embryology Authority“ (HFEA), diese Diagnosetechnik nicht nur wie bisher zur Identifizierung unmittelbar genetisch geschädigter Embryonen einzusetzen, sondern auch zur Erkennung von mutierten Genen, die später im Leben zu Krebskrankheiten führen könnten.

„Diese Technik zielt auf die gnadenlose Vernichtung aller Embryos, die nicht den eugenischen Vorstellungen der Vollkommenheit entsprechen“, kritisierte Josephine Quintavalle, Direktorin der Lobbygruppe „Comment on Reproductive Ethics“. Pro-Life-Gruppen werfen der HFEA seit längerem eine zu tolerante Haltung vor und fordern ihre Schließung.

Bisher darf PGD in Großbritannien zur Diagnose genetischer Krankheiten wie der zystischen Fibrose eingesetzt werden, die bereits den Embryo und das Baby betreffen. Nun dürfen die zehn britischen Fruchtbarkeitskliniken, die von der Behörde für dieses „Baby Screening“ lizenziert sind, auch nach drei mutierten Genen suchen, die in bestimmten Familien zu überdurchschnittlich hohen Raten von Brust-, Eierstock- und Darmkrebs führen. Umstritten ist die Entscheidung, weil die durch die Gene BRCA1 und BRCA2 sowie das „Darmkrebsgen“ HNPCC ausgelösten Krankheiten meist erst bei 30- oder 40-Jährigen ausbrechen – oder überhaupt nicht. Es gibt auch immer bessere Methoden zur Erkennung und Heilung dieser Krebsarten.

Simon Fishel, Geschäftsführer von Großbritanniens größter Fruchtbarkeitsklinik, sagte dem Sender BBC, Eltern sollten das Recht haben, Gesundheitsprobleme ihrer Kinder durch die Selektion gesunder Embryonen zu vermeiden: „Solange wir keine besseren Optionen zur Heilung haben, ist dies eine Möglichkeit der Prävention.“ Eine frühere Direktorin der HFEA, Baroness Ruth Deech, wies das Argument zurück, Großbritannien leiste mit seinen lockeren Regeln der Entwicklung „eugenischer Tendenzen“ Vorschub: „Niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Es geht nur um eine winzige Minderheit, die tun will, was ihrem Instinkt nach am besten für ihre Kinder ist.“

Vergangene Woche erst hatte die HFEA zum ersten Mal einem Elternpaar die Erlaubnis gegeben, durch PDG ein so genanntes „Designerbaby“ zu erzeugen. Catherine und Charlie Mariethoz haben vor 20 Monaten eine Tochter bekommen, die an einer lebensbedrohenden, seltenen Blut- und Knochenmarkskrankheit leidet. Nun soll durch PDG und Gewebevergleiche ein „Retterbaby“ entstehen, mit dessen Stammzellen das Schwesterchen Charlotte geheilt werden kann. Vor zwei Jahren hatte ein Paar in der gleichen Situation noch in die USA gehen müssen.

Bis zu 200 genetische Veränderungen können mit der PDG bereits erkannt werden. Fortschritte bei der Genauigkeit dieser Techniken, aber auch bei der Bekämpfung der verschiedenen Krankheiten, lassen die Debatten um das „Embryo Screening“ immer aktueller werden. „Es geht darum, die Grenze zur Abnormalität im Fötus zu definieren, die Schwelle, an der sich die Auswahl vor der Implantation orientiert“, fasst Richard Kennedy von der British Fertility Society diese Auseinandersetzung zusammen.

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