Welt : Zeigt her eure Schuhe

Saddam und George W. kaufen beim selben Schuster ein

Elke Windisch[Moskau]

Für Vito Artioli sind Berichte von den Tagungen des UN-Sicherheitsrates momentan sogar wichtiger als die Wettervorhersage. Eine Resolution, die den Krieg gegen Bagdad sanktioniert, käme dem Schuhmacher aus dem italienischen Tradati mehr als ungelegen: Die in den Zwanzigern gegründete Schuhfabrik bedient einen exklusiven Kundenkreis: Spitzenpolitiker und Künstler. Neben Robert De Niro und dem Sultan von Brunei gehören auch George W. Bush und Saddam Hussein zu den Stammkunden der Artiolis und ihrer knapp vierzig Beschäftigten.

Der Gründer des Unternehmens, Severino Artioli, wird im März 99 Jahre alt, kümmert sich aber nach wie vor um die Qualitätskontrolle. Von den Schuhen, sagte er dem Südeuropa-Korrespondenten des russischen Fernsehens, der die skurrile Geschichte aufgerissen hat, könne man häufig Rückschlüsse auf den Charakter ihres Trägers schließen. Saddam und George W. seien Paradebeispiele dafür: Bush bevorzugt Klassik, das heißt Schuhe, die sowohl zum Blazer als auch zu dem gedeckten grauen Jackett passen, das er offenbar am liebsten trägt.

Auch Saddam liebe eigentlich Klassik, bestellte jetzt aber vorn spitz zulaufende elegante Treter, die den neuesten Trends folgen. Überhaupt, meint der Nobelschuster, Saddam sei anspruchsvoller und habe eindeutig den besseren Geschmack.

Mindestens 700 Dollar sind pro Paar zu berappen, nach oben ist die Preisskala offen. Dafür halten sie Jahrzehnte. Nur die Sohlen müssen manchmal erneuert werden. Momentan wird wieder einmal eine größere Bestellung für Saddam abgearbeitet. Auf den Leisten kommt neben herkömmlichen Ledersorten auch Exotisches: Hai-Haut, Känguruleder, Alligatoren, Strauße und sogar Robben. Das Leder wird zuvor in unterschiedlichen Farbtönen eingefärbt.

Eben so die Schnürsenkel, die passend zum Leder für jedes Paar Schuhe extra angefertigt werden.

Der Versand, so der Kommentar des russischen Reporters, „vollzieht sich wie eine Operation der Geheimdienste in Feindesland“: Der Karton mit den in feinstes Seidenpapier eingeschlagenen Schuhen werde an die Adresse versandt, die der Kunde angibt. Die aber stimme in den seltensten Fällen mit der realen Postanschrift des Bestellers überein. Wie die Schuhe von dort dann tatsächlich an den Mann kommen, wissen nicht einmal die Artiolis. Und wenn, würden sie es kaum zugeben, denn bei diesem Kundenkreis könnte auf Indiskretion Insolvenz folgen.

Von Saddam wissen die italienischen Nobelschuster nur, dass die Sendung nicht nach Irak geht und bei der Pro-Forma-Adresse von „handverlesenen Sicherheitsnadeln“ abgeholt wird, die die Schuhe mit hoher Wahrscheinlichkeit einem umfangreichen Sicheheits-Check unterziehen, bevor Saddam sie das erste Mal ausführt.

Den damit befassten Geheimdienstmitarbeitern, befürchten die Artiolis, stünden womöglich mehrere schlaflose Nächte bevor. Saddam hat kurzfristig insgesamt 16 Paar in Auftrag gegeben. Weshalb das Fazit des russischen Korrespondenten umso verständlicher klingt: Egal, wie sich die Situation in und um Irak noch entwickelt, barfüßig werde der Diktator weder in den Krieg ziehen noch ins Exil gehen.

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