Zeitumstellung : Immerwährende Sommerzeit in Russland

In der Nacht zum Sonntag werden in Europa die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. In Russland läuft die Zeit unverändert weiter.

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Wenn in der Nacht zum Sonntag in Deutschland die Winterzeit beginnt, läuft die Zeit in Russland einfach weiter.
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Psychologen schlugen frühzeitig Alarm: Ein später dunkler Morgen gehe dem Menschen sehr viel mehr aufs Gemüt als ein früh hereinbrechender Abend. Es könnte stimmen. Nicht nur in Arktis und Subarktis, wo es die Sonne im Winter wochenlang überhaupt nicht über den Horizont schafft, auch im Norden der gemäßigten Klimazone Russlands, wo es in Dezember und Januar erst gegen zehn Uhr früh hell wird, haben Statistiker den größten Schnapskonsum festgestellt. Auch bei Depressionen und Selbstmorden verteidigen St. Petersburg oder die Regionen im Polaren Ural seit Jahren ihre Spitzenreiterposition.

Noch-Präsident Dmitri Medwedew ließ sich davon nicht beeindrucken. Russland bleibt, wenn Europa in der Nacht zu Sonntag die Uhren wieder um eine Stunde zurückstellt, bei der Sommerzeit. Die Amtszeit ist dadurch, zumindest im Winter, der natürlichen um ganze zwei Stunden voraus. Denn falsch gehen die Uhren in Russland schon seit 1930. Angeblich um Energie zu sparen, hatte Stalin damals im Frühjahr per Dekret zwar die Sommerzeit in Kraft gesetzt, die Uhren im Herbst aber nicht wieder zurückstellen lassen. So, wie jetzt Medwedew.

Schon kurz nach Amtsantritt im Mai 2008 hatte er sich für eine ganzjährig geltende Zeit stark gemacht. Wissenschaftler hatten ihm mit dem Argument, das ewige Umstellen der Uhren verunsichere die Menschen, störe ihren Rhythmus und belaste Herz und Kreislauf, bewusst den Rücken gestärkt. In der Hoffnung, er werde Stalins Eingriff in die natürliche Zeit endlich rückgängig machen.

Umso größer war ihr Entsetzten, als Medwedew die neue Zeitverschiebung im März per Ukas durchdrückte. Denn die Duma hatte das Vorhaben, obwohl Kreml und Regierung dort über eine satte Zweidrittelmehrheit verfügen, zuvor bereits zweimal abgeschmettert. Ein Eintrag in die Geschichtsbücher, für den Medwedew sich bisher vergeblich abstrampelte, ist ihm daher sicher. Ob es ein positiver wird, ist mehr als fraglich. Denn selbst in gemäßigten Breiten, wo Moskau und die meisten anderen Ballungsräume liegen, wird es von jetzt ab im Winter erst am späteren Vormittag hell. Und damit macht die künstliche Zeit nicht einmal unter energiepolitischen Aspekten Sinn.

Doch Medwedew und Putin, mit dem das Vorhaben wohl abgestimmt war, ging es dabei ohnehin eher um Innenpolitik. Bereits in seiner ersten Jahresbotschaft an das Parlament legte Medwedew sich dafür ins Zeug, die damals elf Zeitzonen Russlands auf neun einzudampfen. Anderenfalls, warnte er, sei der Fortbestand Russlands in seinen heutigen Grenzen gefährdet.

In der Tat: Kaliningrad im Westen kann kaum mit der Pazifikhalbinsel Kamtschatka kommunizieren. Wenn die Menschen an der Bernsteinküste im ehemaligen Ostpreußen das Wasser für den Frühstückstee aufsetzen, dampft in fernöstlichen Küchen schon das Abendbrot. Durch Festhalten an der Sommerzeit aber bewegt sich der kleinere europäische Teil des Landes weiter auf die eigentliche Landmasse zu, die in Asien liegt. Dort nämlich stellten die Regionen im äußersten Osten die Uhren im März nicht vor.

Medwedews Vision von einem Russland, das längerfristig nur noch aus vier, maximal fünf Zeitzonen besteht, dürfte dennoch an der Physik der Erde scheitern. Denn eine natürliche Zeitzone umfasst gerade mal fünfzehn Längengrade. Und ist daher nicht endlos dehnbar. Wer es dennoch versucht, riskiert einen Sonnenbrand um Mitternacht.

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