Welt : „Zentis“ – Erpresser vor Gericht

Aachen - Dieser Mann ist auf den ersten Blick ein Schwiegermutter-Typ: Gepflegt, zurückhaltend, freundlich, redegewandt – und naiv. Sein Erpresser-Päckchen an die Firma Zentis versah er mit einer freundlichen Geste. Der 27-Jährige legte der vergifteten Marmelade ein kleines, gelbes Auto bei – eigens für den Geschäftsführer, einen leidenschaftlichen Sammler von Modellautos. Zentis solle in den nächsten Tagen 500 000 Euro zahlen, ansonsten werde er die Marmelade des Aachener Unternehmens vergiften und in nordrhein-westfälische Supermärkte stellen, schrieb der „Zentis- Freund“.

   Jetzt steht der junge Mann aus Düsseldorf unter anderem wegen räuberischer Erpressung vor dem Aachener Landgericht. Er kommt aus einer Akademikerfamilie, macht Abi, studiert, hat Jobs. Als er mit seiner Freundin in Düsseldorf zusammenzieht, lebt er über seine Verhältnisse. Aber er „wollte nicht die Hosen runterlassen“ und seiner Freundin sagen, dass er sich das alles nicht erlauben konnte. 2009 bricht alles zusammen: Freundin weg, keine Jobs mehr, Studium vernachlässigt, Schulden.

   Er fälscht Papiere und eröffnet unter falschen Namen Girokonten und reizt die Dispokredite aus. 19 Mal macht er das so und ergaunert rund 41 000 Euro. Er fühlt sich nicht wohl dabei, ist angespannt, braucht eine andere, langfristige Geldquelle. Im Internet liest er von der Erpressung eines Lebensmittelunternehmens. „Letztlich kam ich auf Zentis nach einem Blick in den Kühlschrank“, sagte er. Mit Lösungsmittel präpariert er drei Marmeladen des Aachener Konfitüren- und Süßwarenherstellers.  „Achtung Produkterpressung. Das ist kein Scherz“, schreibt er in einem Brief, den er am 4. Januar einwirft. Bei Zentis setzen Brief und Paket eine Maschinerie in Gang. Der interne Sicherheitsstab kommt zusammen, die Polizei wird informiert, kein Wort dringt nach draußen. „Fakt war, dass wir das Schreiben von Anfang an ernst genommen haben“, sagte der Leiter des Krisenstabs, Michael Köster. Trotzdem zahlte das Unternehmen insgesamt nur 5000 Euro. Der „Zentis-Freund“ bietet dem Unternehmen sogar Ratenzahlungen von je 50 000 Euro an. „Ich wollte das Geld dann peu à peu am Automaten abholen.“ Doch dazu kam es nicht mehr. dpa

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