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Zeugen des Massakers : Die Summe des Schreckens
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Der Vater rief sofort die Notrufnummer 112 an. Unendliche vier Minuten musste er warten, so erzählt er es, bis jemand abhob. Und die Beamtin glaubte ihm dann nicht. „Ich sagte, was meine Tochter mir erzählt hatte, und wissen Sie, was die Polizei antwortete? Sie sagte, ,Wenn es um so etwas geht, müssen Ihre Kinder selbst bei uns anrufen‘.“

Er rief dann von seinem Handy den Sohn auf der Insel an und hielt in seiner Verzweiflung die Telefone aneinander, damit die Polizistin den Originalbericht von der Insel hören könnte – vergebens. Die Beamtin blieb dabei: Das Kind muss selbst anrufen.

Und dann gibt es da noch den SMS-Verkehr zwischen Julie Bremnes und ihrer Mutter, den die Zeitung „Verdens Gang“ am Mittwoch veröffentlichte. Julie, 16, ist auf der Insel, als Breivik das Feuer eröffnet. Um 17. 42 Uhr geht bei ihrer Mutter die erste SMS ein, 45 Textnachrichten fliegen zwischen Mutter und Tochter in den folgenden 75 Minuten hin und her.

– Mama, sag der Polizei, dass hier Menschen sterben. Sie sollen sich beeilen.

– Ich kümmere mich, Julie. Die Polizei ist unterwegs. Kannst du mich anrufen?

– Nein. Sag der Polizei, dass hier ein Verrückter ist, herumläuft und auf die Leute schießt. Sie sollen sich beeilen.

– Gib uns bitte unbedingt alle fünf Minuten ein Lebenszeichen.

– Wir haben Angst zu sterben

– Ich weiß, mein Liebling. Bleibt in eurem Versteck, geht nirgendwo hin. Die Polizei ist schon unterwegs, vielleicht ist sie sogar schon da! Siehst du Verletzte oder Tote?

– Wir verstecken uns hinter Felsen am Ufer. Ich bin nicht in Panik, aber ich sterbe vor Angst.

– Ich weiß, mein Liebes. Wir sind wahnsinnig stolz auf dich. Hörst du noch Schüsse?

– Nein.

Kurz nach 18.15 Uhr dann gute Nachrichten von der Insel: Die Polizei ist hier.

– Der Mann, der schießt, trägt offenbar eine Polizei-Uniform. Seid also vorsichtig. Was passiert jetzt?

Die Mutter sieht im Fernsehen, wie die Insel evakuiert wird, die Tochter hört Hubschrauber. Und kurz nach 19 Uhr schickt die Mutter die letzte Nachricht: „Jetzt haben sie ihn.“

Seit dem vergangenen Freitag beginnen Gespräche in Oslo immer gleich. Mit Fragen. Wie geht es dir? Ist alles okay? In deiner Familie ist niemand betroffen, ja? Viele kennen jemanden, der irgendwie betroffen ist. In den Zeitungen schreiben Menschen Leserbriefe. „Ich kannte den Attentäter“, steht darin. „Wir gingen zusammen zur Schule.“ Er war doch nur einer von vielen – Norwegern. Dass der Mörder aus ihrer Mitte kommt, das ist für die Menschen in Norwegen kaum zu verstehen.

Schwer liegen diese Gedanken über der Hauptstadt, deren Himmel sich am Mittwoch, dem fünften Tag nach dem Anschlag, fast wolkenlos zeigt. Ruhig und leer ist die Stadt – das aber ohnehin, weil die großen Ferien in Norwegen noch zwei Wochen andauern, die meisten Bewohner in ihren Ferienhäusern sind, im Urlaub. Noch immer sind die Straßen um das Energieministerium, vor dem Breivik seine Autobombe explodieren ließ, in einem Radius von mehreren hundert Metern abgesperrt. Bauzäune, die als Absperrungen dienen, sind über und über mit Rosen und anderen Blumen behängt, auf dem Asphalt liegen noch immer Splitter und Glasscherben, hinter den Zäunen ist der lange Hals eines Baukrans zu sehen. Nur wenige Polizisten sind es noch, die hier Wache stehen.

Im Café auf dem Youngstorget, dem zentralen Platz am Rande des Regierungsviertels, umrundet von fünf- bis sechsstöckigen Gebäuden und traditionell Sitz der norwegischen Arbeiterbewegung, recken die Menschen ihre Gesichter der Sonne entgegen. Nein, sagt einer, der in Oslo lebt, vorsichtiger sei man jetzt nicht.

Mitarbeit Carsten Spannagel, Oslo

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