Welt : Zeugnisse: War ich gut?

Adelheid Müller-Lissner

Eins rauf mit Butterbrot und Mappe!", so lautete die größte Anerkennung, die Großvater zu vergeben hatte. Seiner Enkelin musste er allerdings erst erklären, dass das ein Lob war - und zugleich ein Satz, den er in seiner Kindheit noch am eigenen Leib erfahren konnte: Hatte ein Schüler durch Leistung geglänzt, so durfte er seine Sachen unter den Arm nehmen und eine Schulbank nach vorne rücken. Ein anderer, weniger vom Glück begünstigter Mitschüler musste dafür den Abstieg nach hinten auf sich nehmen - mitsamt Schulranzen und Pausenbrot.

Gut, besser, Klassenprimus: Der Maßstab dafür, wie gut jemand ist, liegt beim altväterlichen Schulstuben-Gesetz offensichtlich in der Gruppe selbst. Hat die nur ein mäßiges Niveau, dann ist es leichter, ganz nach oben zu kommen. Fast wie im richtigen Leben: Auch außerhalb von Schulgebäuden mangelt es schließlich nicht an Situationen, in denen unter lauter Blinden Einäugige zu Königen gekürt werden. Unter schwachen Bewerbern wählt der Personalchef den mittelmäßigen, unter lauter Machos die Frau vielleicht den, der wenigstens einen frauenfreundlichen Spruch auf den Lippen trägt.

Die moderne Pädagogik dagegen sucht nach Maßstäben, die von solchen Zufällen der Gruppenzusammensetzung unabhängig sind. Leistungsmessung beginnt hier mit der Beschreibung von Zielen und Inhalten. Im Verhältnis zu diesen vorher festgelegten Wegmarken des Unterrichts schneidet ein Schüler im zielgenau geplanten Test später gut oder schlecht ab - nicht im Vergleich mit seinem Banknachbarn. Wenn das Diktat gut ausfällt, weil alle Kinder wenig Fehler gemacht haben, kann sich deshalb auch die Lehrerin auf die Schulter klopfen: Gut war auch ihr Unterricht. Die Note, mit der das Gemessene schließlich bewertet wird, sollte ausdrücken, in welchem Maß der Schüler die Leistungsanforderungen erfüllt.

Leistung ist in der Physik die von einer Kraft in der Zeiteinheit geleistete Arbeit. Nicht ganz abwegig deshalb, auch in der Pädagogik die Kraft zu berücksichtigen. Womit wir beim dritten, dem individuellen Leistungsmaßstab wären, also bei der Frage: Was hat dieses konkrete Kind in der konkreten Zeiteinheit eines Schuljahres dazugelernt, wo liegen seine Stärken, wo seine Schwächen, wo seine Fördermöglichkeiten? Hat es seine Leistungsfähigkeit eigentlich ausgeschöpft? Fragen, die mit Worten weit besser zu beantworten sind als mit Zensuren. "Der individuelle Maßstab gilt umso mehr, je jünger die Kinder sind", schreibt der Diplom-Pädagoge und Schulamtsdirektor Horst Bartnitzky in "Umgang mit Zensuren in allen Fächern". Und es ist bei den Kleinen noch leichter möglich, es beim Wort ohne Noten zu belassen, weil sie noch nicht den Zugang zu "weiterführenden" Schulen suchen. Kein Wunder also, dass gerade bei den ABC-Schützen das individuellere Wortgutachten Bedeutung hat. In Berlin ist es seit 1991 die obligatorische Form des Zeugnisses nach der ersten Klasse, und auch in Klasse zwei bis vier können Eltern und Lehrer sich theoretisch noch darauf einigen, Noten durch verbale Beurteilungen zu ersetzen.

Klicken fürs Vollbild
Der Ernst des Lebens kann also als Wort oder Ziffer ins Leben des Schülers treten. Und oft wird er als bodenlose Ungerechtigkeit empfunden, zum Beispiel von der Berufsschülerin, die für ihr Werkstück im Fach Metallverarbeitung eine glatte fünf bekam. Das Schloss, das sie abgegeben hatte, war nicht von ihr gefertigt: Ein Mitschüler hatte in der Parallelklasse bei einem anderen Lehrer zuvor für das selbe Objekt eine zwei bekommen. Hatte ihr eigener Lehrer strengere Maßstäbe - oder hatte er schlicht Vorurteile gegenüber Mädchen, wie die Schülerin meint, die ihrem Unmut nun in einem Diskussionsforum im Internet Luft macht? Im Allgemeinen, so ergaben schon Untersuchungen aus den 70er Jahren, bevorzugen männliche wie weibliche Lehrkräfte bei der Bewertung dabei eher die Mädchen. Dass das Urteil des Deutschlehrers über den Aufsatz von der Handschrift des Verfassers beeinflusst wird, die bei Mädchen oft "schöner" ist, dass aber andererseits auch Mathelehrer bei anerkannt "guten" Schülern mehr Fehler übersehen als bei "schlechten", ist immer wieder durch Studien untermauert worden. Schon 1947 spitzte der Wissenschaftler C.C. Ross zu: "Es ist schlimm, dass die Zensuren bestimmter Individuen mehr von der Gesichtsform als vom Inhalt des Kopfes bestimmt werden."

Ungerechte Noten empören Kinder gerade deshalb, weil sie den Vergleich und die Konkurrenz eigentlich nicht scheuen. "Das Selbstwertgefühl wird nicht nur durch die Fremdeinschätzung, sondern immer auch durch den direkten Leistungsvergleich bestimmt", so aus entwicklungspsychologischer Sicht der Kinderarzt und Erziehungsberater Remo Largo. Wohlmeinende Pädagogik, die den Schüler ganz und gar vor dem Vergleich bewahren will, kann folglich zum Fehlen realitätsgerechter Selbsteinschätzung führen. Dabei haben Kinder offensichtlich wenig gegen Zeugnisse im Allgemeinen und ihre eigenen im Besonderen einzuwenden: 97 Prozent der im Rahmen einer Studie an der Humboldt-Universität befragten Kinder sagten, ihr erstes Zeugnis habe ihnen "gefallen", und 89 Prozent der Kinder fühlen sich sogar zum Abschluss der fünften Klasse noch "gerecht" beurteilt.

Damit urteilen sie wesentlich milder als Karlheinz Ingenkamp, Verfasser des Pädagogik-Longsellers "Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung". Er bemängelt vor allem, dass ein Instrument von "mangelnder Messqualität" und geringem pädagogischen Nutzwert unerwünschte Nebenwirkungen wie Konkurrenzdenken und sachfremde Motivation hervorbringe. Vor allem aber beunruhigt ihn wie andere Notengebungs-Kritiker, dass die Note, wie subjektiv es auch immer bei ihrer Verteilung zugegangen sein mag, schon wenig später als "objektiv", jedenfalls aber als gewichtig erscheint: Denn Zeugnisse entscheiden über Zugänge und Lebenschancen.

Kein Zufall, dass gerade der Numerus Clausus Einzug hielt, als Walter Dohse Ende der 60er das Zeugnis als Hilfsmittel einer "bürokratisierten, nationalstaatlich organisierten Gesellschaft im Dienste der Auslese des Nachwuches auf der Grundlage des Leistungsprinzips" entlarvte. Dass Schulnoten über Lebenschancen (mit)entscheiden, ist dabei ein noch junges und sehr bürgerliches Phänomen: Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde es für die Verteilung der Berufs- und Lebenschancen wichtig, was einer leistete - und nicht, ob er als von und zu geboren wurde. In den Jahrhunderten davor brauchten eigentlich nur die armen Schüler Gutachten, die den Zugang zu Stipendien und Mittagstischen eröffneten.

Wenn Zeugnisse über Zugänge entscheiden, hat auch die schlechte Note eine wichtige gesellschaftliche Funktion, und es waren nicht ohne Grund Soziologen, die darauf hinwiesen: Negative Rückmeldungen bringen eine "Abkühlung" des Ehrgeizes und Arbeitseifers mit sich. Vor allem, wenn sie als gerecht empfunden werden, kann das auf die Dauer dazu führen, dass die Erfolgloseren sich mit ihrem Schicksal abfinden - und der soziale Friede trotz sehr weit auseinander driftender Schul- und Berufskarrieren gewahrt bleibt.

Der häusliche Friede ist dafür in vielen Fällen durch eine fünf oder sechs akut gefährdet. Die Schulnote, so urteilte schon im Jahr 1917 die Entwicklungspsychologin Hildegard Baumgarten, sei ein "Giftpilz des Haus- und Schullebens" und eine "unerschöpfliche Quelle des Lügens" auf Seiten der Kinder. Regelmäßig und nach wie vor aus gutem Grund mahnen Schulpsychologen vor Schuljahresende die Eltern zu Besonnenheit. Auch den Kindern sei aber Nachsicht ans Herz gelegt für den Fall, dass irgendwann ein verstaubtes Zeugnis-Exemplar aus der Versenkung auftaucht, das die Schulleistungen der Eltern in ein schlechteres Licht rückt als deren wiederholte Beteuerungen: Selektive Erinnerung in Sachen Noten steht traditionell im Dienst eines positiven Selbstwertgefühls.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben