Zirkustiere : Nicht zu bändigen

"Unkalkulierbares Risiko": Tierschützer fordern ein Wildtierverbot im Zirkus. Dompteur nach Tigerattacke weiter in Lebensgefahr.

Dieter Hanisch[Hamburg]
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Auf leisen Pfoten. Ist es überhaupt möglich, Raubkatzen artgerecht zu halten? -Foto: ddp

Tierschützer melden sich nach der Tigerattacke beim Zirkus-Dinner in Hamburg zu Wort und befeuern von Neuen eine Debatte um ein Wildtierverbot im Zirkus. „Tiere sind und bleiben wilde Tiere“, teilte die Tierschutzorganisation Vier Pfoten mit. Ihre Haltung im Zirkus sei mit unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken verbunden. Tierschutzorganisationen drängen seit langer Zeit auf ein Haltungsverbot von Wildtieren im Zirkus.

Als bisher einzige Handhabe für amtsveterinäre Untersuchungen können die Zirkusleitlinien dienen. Die kommunalen Kontrolleure können damit Zirkusbetreibern Verfügungen und Auflagen erteilen und gegebenenfalls ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einleiten, wenn hygienische Standards, Richtlinien der Tierhaltung verletzt oder andere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt werden. „Doch ein wirklich gerichtsfestes scharfes Schwert stellen die Leitlinien nicht dar“, sagt Thomas Pietsch von der Initiative Vier Pfoten, der es begrüßt, dass die Landesregierung von Schleswig-Holstein in ihren Koalitionsvertrag hineingeschrieben hat, sich für „ein Haltungsverbot von Wildtieren in Zirkusbetrieben“ einzusetzen.

Auch die Hamburger Verbraucherschutzbehörde sieht Handlungsbedarf. Bereits im Vorjahr formulierte sie: „Die Leitlinien haben aber nicht die dringend erforderliche Rechtswirksamkeit einer Verordnung. Mit den Leitlinien allein kann die Problematik der Wanderzirkusse mit Wildtierhaltung nicht gelöst werden.“ Tut sich seitens des Gesetzgebers nichts, will Hessen spätestens im nächsten Jahr erneut einen Bundesratsvorstoß wagen, kündigt die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin an. Sie kann sich die Untätigkeit des Bundesverbraucherministeriums nicht erklären, weil die EU-Kommission längst Ländern wie Österreich oder Luxemburg den Rücken stärkt, wo nationale Verbote ausgesprochen wurden. Kritiker eines Verbots führen ins Feld, dass Tiertrainern das Grundrecht auf freie Berufsausübung genommen werde. Dem Vernehmen nach fürchtet man im Verbraucherministerium eine mögliche rechtliche Auseinandersetzung.

Aus Vier-Pfoten-Sicht ist gar nicht mal die Dressur im Zirkus der Reibungspunkt, sondern die Tierhaltung des meist reisenden Betriebes. Viele Tiere sehen die Manege gar nicht erst, sondern werden lediglich zur Tierschau mitgeführt. Bei einem Minimum an Bewegung und Auslaufplatz könne von einer artgerechten Unterbringung nach Ansicht von Tierrechtlern nicht die Rede sein. Große und bekannte Zirkusunternehmen verweisen bei entsprechenden Missständen gerne auf kleine Zirkusbetriebe, doch Anfang des Jahres wurde nun auch Zirkus Krone vom Amtsgericht Darmstadt wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz verurteilt. Dabei ging es unter anderem um mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten von Elefanten. Laut Vier Pfoten hat es in den letzten fünf Jahren in Deutschland zehn Vorfälle gegeben, bei denen Menschen von Wildtieren im Zirkus verletzt wurden. Ferner registrierte die Organisation 33 Ausbrüche von Wildtieren.

Für den bei dem Tigerangriff in Hamburg schwer verletzten 28-jährigen Dompteur Christian Walliser besteht weiterhin Lebensgefahr. Er ist immer noch nicht ansprechbar. Sein Lebensgefährte wurde am Donnerstag kurzzeitig in der Nähe der Dressurhalle, wo sich die Attacke abgespielt hatte, von der Polizei abgeführt. Er soll sich dort zuvor erkundigt haben, ob die Tiger nun tot seien. Dies hatte man zunächst so gedeutet, als wolle er die Tiere umbringen.

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