Zivildienstleistende : Jung, billig, unentbehrlich

Aus der sozialen Wirklichkeit sind sie nicht mehr wegzudenken: Seit 1961sind Millionen Zivildienstleistende in Pflege- und Behindertenheimen, in der Jugendarbeit und im Krankenhaus im Einsatz. Stellvertretend für sie wird der 2,5-millionste Zivi gewürdigt.

Roland Böhm[dpa]
Zivildienstleistender
"Zivis": Ein Gewinn für die Gesellschaft. -Fpto: dpa

Stuttgart"Drückeberger!" Die ersten Zivildienstleistenden in Deutschland waren in den 1960ern schnell abgeheftet. Heute, knapp 50 Jahre später, bezeichnet Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sie als "Gewinn für die ganze Gesellschaft". Am Montag wurde in Stuttgart der 2,5-millionste "Zivi" seit 1961 begrüßt: Markus Porada, ein 19 Jahre alter Abiturient, arbeitet in der Jugendherberge in Stuttgart. Nach Angaben des Bundesamts für den Zivildienst ist er einer von rund 88.000 jungen Männern, die in diesem Jahr zum Zivildienst einberufen wurden. Zum Vergleich: Den früher selbstverständlichen Dienst an der Waffe begannen im vergangenen Jahr nur noch 68.000 junge Männer.

Die ersten 340 anerkannten Kriegsdienstverweigerer hatten es nicht leicht. "Ihr öffentliches Ansehen war nicht besonders", sagt der Bundesbeauftragte für den Zivildienst Jens Kreuter. Bis in die 80er Jahre inklusive der Hochphase des Kalten Krieges habe es gedauert, bis der soziale Beitrag der "Zivis" angemessen gewürdigt worden sei. "Heute sind Zivildienstleistende aus unserer sozialen Wirklichkeit nicht mehr wegzudenken", betont Kreuter. Und inzwischen sagen nicht wenige, dass die "Zivis" aus ihrer Dienstzeit sehr viel fürs Leben mitnehmen. Viele Arbeitgeber schätzten die Zivildienstzeit inzwischen als "klares Plus im Lebenslauf". Die sozialen Kompetenzen wiegen schwerer als vermeintlich verlorene Monate.

Heute gelten "Zivis" als jung, billig und in der Pflege oder Betreuung von alten, kranken oder behinderten Menschen als unentbehrlich. "Wenn wir sie nicht hätten, hätten wir große Not", sagte etwa der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes in Baden-Württemberg, Lorenz Menz. Knapp 1000 "Zivis" würden im Südwesten etwa das Essen auf Rädern oder die Behindertenhilfe aufrechterhalten. "Ich habe große Hochachtung vor diesen jungen Männern", betonte Menz.

"Ohne Wehrdienst - kein Zivildienst"

Ihm ist auch bewusst, dass der Zivildienst eng mit dem Wehrdienst verknüpft ist. Diskussionen über den Zivildienst gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer nur dann, wenn über den Wehrdienst debattiert wurde. Seit der Entscheidung des Bundestages für die Wehrpflicht 1956 hat es im Parlament und in der Gesellschaft immer wieder Grundsatzdebatten darüber gegeben, sie wieder abzuschaffen. Und: "Ohne Wehrdienst - kein Zivildienst", stellt der Bundesbeauftragte Kreuter fest. Schließlich begründe sich der Zivildienst einzig und allein durch das im Grundgesetz festgelegte Recht, dass niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst gezwungen werden darf.

Drohte der Wehrdienst zu kippen, zuletzt im Jahr 2004, zitterten auch die Sozialverbände um ihre zuverlässigen - und relativ günstigen - Mitarbeiter. Zivildienstleistende erhalten nicht mehr Geld als Wehrpflichtige. Ein Großteil des Soldes wird zudem vom Bundesamt übernommen. Hauptargument gegen den Wehrdienst bleibt die Wehrgerechtigkeit: So wird von einem Jahrgang mit derzeit rund 340.000 jungen Männern ohnehin nur noch ein geringer Teil eingezogen. Nach Musterung und diversen Sonderregelungen bleiben nach Angaben des Verteidigungsministeriums noch 150.000 potenzielle Soldaten übrig. Bei nur 68.000 Einberufungen derzeit könne es nicht mehr gerecht zugehen, sagen die Gegner.

Da aber kaum jemand, der den Kriegsdienst verweigere, am Zivildienst vorbeikommt, habe sich das Gesamtkonstrukt "überlebt", stellt Kai Gehring, jugendpolitischer Sprecher der Bundestags-Grünen, fest. Auch volkswirtschaftlich sei es vernünftiger, die Zivildienststellen in reguläre Arbeitsplätze umzuwandeln und freiwilliges Engagement zu fördern. Länder mit Wehrpflicht und Zivildienst hätten eine niedrigere Wirtschaftsleistung und ein niedrigeres Wachstum als Länder mit einer Freiwilligenarmee und professionellen Sozialdiensten, berichtete das "Handelsblatt" aus einer Studie der Universität Hannover.

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