Welt : Zöpfchenflechten im Zoo

Empörung über ein „afrikanisches Dorf“ in Augsburger Tierpark

Ulrike Krahnert[Augsburg]

Einen „Zoobesuch mit Überraschung“ kündigt die Werbebroschüre die Ausstellung „African Village“ im Augsburger Tierpark an, die am Donnerstag eröffnet werden soll: „Um eine einmalige afrikanische Steppenlandschaft gruppieren sich Kunsthandwerker, Silberschmiede, Korbflechter, Zöpfchenflechter.“ Bei den Zoobesuchern soll das die Reiselust schüren und der Völkerverständigung dienen. Schwarze Deutsche sind dagegen empört über die Pläne und riefen in der vergangenen Woche zum Protest auf.

Jetzt haben sich deutsche und internationale Akademiker diesem Protest angeschlossen. Auch die südafrikanische Literaturpreisträgerin Nadine Gordimer äußert sich kritisch zu dem Vorhaben. Die international tätige Initiative Ecoterra hat Strafanzeige gegen die Augsburger Zoodirektorin Dr. Barbara Jantschke und die Veranstalterfirma Max-Vita erstattet.

Hans-Jürgen Duwe vom Ecoterra-Büro in Kassel forderte in einem Schreiben die bayerische Landesregierung auf, ein Disziplinarverfahren gegen die Zoodirektorin aufzunehmen und ihre Beurlaubung einzuleiten. Die Regierung solle „sofort tätig werden, um diese Zurschaustellung aufzuhalten“; sie könne das Ansehen des Freistaates Bayern nachhaltig schädigen.

Norbert Finzsch, Professor für anglo- amerikanische Geschichte an der Universität Köln sagte in einem Interview, er könne nicht glauben, dass so eine Ausstellung in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit von 2005 noch möglich sei: „Es ist offensichtlich, dass die Organisatoren die politischen und historischen Implikationen ihres Projekts nicht verstehen“, schrieb er in einem Internetforum an internationale Wissenschaftskollegen. Eine Ähnlichkeit der geplanten Augsburger Ausstellung zu der Tradition der Völkerschauen „dränge sich auf“.

In den Völkerschauen deutscher Zoos wurden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem Afrikaner „entmenschlicht als exotische Objekte“ vorgeführt und in Sondervorführungen für Wissenschaftler rassenanthropologischen Untersuchungen unterzogen, die von „höchst fragwürdigem wissenschaftlichen Nutzen“ gewesen seien. Auch in den Völkerschauen sei die Rede von Exotismus, von Ursprünglichkeit, Naturverbundenheit gewesen, so Finzsch.

Es sei auch falsch, die afrikanischen Kulturen unter einem einzigen Kulturbegriff zu subsumieren und „absurd, so zu tun, als ob Afrika, ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Kulturen und Kulturräumen, nur aus Savannen bestehe, in denen naturverbundene, freundliche Menschen ihrem Tagwerk in Hütten nachgehen“ – dies nivelliere die Vielfältigkeit der afrikanischen Kulturen.

Die Naivität der Zoodirektion und der Ausstellungsveranstalter sei darauf zurückzuführen, dass Geschichte und Auswirkungen des deutschen Kolonialismus in den letzten sechzig Jahren nicht ausreichend behandelt worden seien; auch nicht von deutschen Historikern, merkt Finzsch selbstkritisch an. Dass Deutsche in einem brutalen kolonialen System entscheidende Positionen hatten, sei fast unbekannt. Die Art, wie Afrikaner auch heutzutage in der Öffentlichkeit dargestellt werden, beweise, dass koloniale und rassistische Sichtweisen immer noch lebendig seien. Das Schreiben des Kölner Geschichtsprofessors löste eine Flut von Protesten aus: Dekane und Professoren aus Frankreich, England und besonders den USA fordern einen Ausstellungsstopp.

Als „unglaublich und skandalös“ bezeichnete auch die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer die Augsburger Pläne am Rande einer Vorlesung in Schloss Neuhardenberg: „Ich protestiere vehement gegen den Austragungsort. Die Ausstellung im Zoo durchzuführen und dadurch zu implizieren, Afrikaner leben unter Tieren, ist unverschämt!“

Nach der Beschwerde eines schwarzen Schweizer Bürgers hatte die Tierparkdirektorin ihren Zoo dagegen als „den genau richtigen Ort, um die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln“ bezeichnet. Die Hamburger Media-Watch-Organisation „Der Braune Mob“ zeigte ihr die „Braune Karte“: Afrikaner würden so als primitive Wesen stigmatisiert. Auch die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) kritisierte, Schwarze würden „als exotische Objekte in trauter Einheit mit der Tierwelt“ und als touristische „Inspiration“ präsentiert. Schwarze deutsche Überlebende des Nationalsozialismus seien bis in die vierziger Jahre zu Auftritten in Völkerschauen gezwungen worden, „weil ihnen andere professionelle Sphären verschlossen blieben.“

Augsburgs Stadtdirektor Münzenrieder sagte, die gut 40 Teilnehmer der Ausstellung bekämen durch Verkaufsstände und Musikdarstellungen auch die Möglichkeit des Broterwerbs geboten. Doch der Titel „African Village“ sei „nicht glücklich“ gewählt und auch die Veranstaltung sei „diskussionswürdig“.

Dass die Ausstellung Klischees bedient, räumt nun auch die Zoodirektorin ein – sie setzt Diskussionen dagegen.

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