Zu Hause arbeiten : Schweinehund im Arbeitszimmer
24.07.2011 02:00 Uhr
Früher arbeiteten die zu Hause, die es mussten. Frauen, die Spitzendeckchen klöppelten, damit ihre Kinder nicht verhungerten. Lehrer, die Hausaufgaben korrigierten. Studenten, die als Nebenjob Umschläge etikettierten. Das Ganze hieß Heimarbeit und war genauso schrecklich, wie es klingt. Dann, Ende der 80er Jahre muss das gewesen sein, kam das Schlagwort Telearbeit auf. Die Idee war, dass die Menschen auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr täglich stundenlang im Stau stehen sollten. Sondern, dass man die Arbeit von zu Hause aus per Telefon und Fax erledigen könnte. Mich hat das damals unendlich deprimiert. Ich habe mir leere graue Siedlungen mit Einfamilienhäusern vorgestellt, und in jedem Haus saß jemand an einem Faxgerät.
Heute spricht keiner mehr von Telearbeit. Der Politologe Markus Albers, der in seinem Buch „Heute komme ich später rein“ über das Ende der Büroarbeit geschrieben hat, nennt die, die täglich ins Büro gehen, „Resident People“. Ihre Zahl nehme stetig ab, vor allem in den globalen Unternehmen. Der Rest, so Albers, arbeite als „Mobile People“ oder „Super-Mobile People“ unabhängig von der Firmenzentrale.
Eine schöne Vorstellung, nur wenn ich als Folge dieser Entwicklung zu Hause arbeite, bin ich weder mobil noch supermobil. Ich bin nämlich immobil, was unter anderem mit dem Pyjama zu tun hat, in dem ich von morgens bis abends am Schreibtisch sitze. Meine Korrespondentenkollegin aus Tiergarten hat auch hier einen Weg gefunden. Sie zieht jeden Morgen einen schwarzen Hosenanzug und hochhackige Schuhe an. Bevor sie vom Schlafzimmer ins Arbeitszimmer wechselt, legt sie sich noch eine Perlenkette um den Hals. So kann sie der Privatheit ihrer Wohnung die notwendige Professionalität abtrotzen.
Warum gehst du nicht raus?, fragen mich Leute, wenn ich wieder einmal mein Leid klage. Aber wohin? Das Café bietet sich an, die Kaffeehausliteraten und die Laptop-Schnösel aus dem Sankt Oberholz haben es vorgemacht. Doch dort zu schreiben, ist wie in Puschen zu arbeiten. Und Arbeit, die in Puschen erledigt wurde, sieht meistens auch so aus, als wäre sie in Puschen erledigt worden. Eine Studie des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin über die Berliner Kreativwirtschaft gibt mir übrigens recht. Von 2000 Befragten würden 77 Prozent niemals im Café arbeiten.
Eine Zeit lang war ich in der Bibliothek. Das war fast noch schlimmer als zu Hause. Um einen herum lauter schick angezogene Leute, die dicke Jurawälzer und das ganze Leben vor sich haben. Und jeder Jurawälzer, der um einen herum aufgeklappt wird, ist wie ein Statement: Im Gegensatz zu dir werde ich einmal in der Teppichetage arbeiten!
Irgendwann habe ich mir einen Platz in einem Büro gemietet. Wie die Mehrzahl der Kreativen übrigens, auch das hat die TU-Studie herausgefunden. Das Büro war eine Zweckgemeinschaft, es hatte weiße Wände und bläuliche Auslegware, an den Decken blinkten Neonröhren. Es gab ein Kopiergerät, an dem sich die Leute die Zeit stahlen, und über den E-Mail-Verteiler kamen alle paar Minuten Mails über Besprechungen und verlorene Handys, die in Milliarden von Büros weltweit wertvolle Arbeitsenergie binden. Was soll ich sagen? Es war großartig.
Inzwischen bin ich umgezogen und arbeite wieder zu Hause. Wenn ich mich in meinem Bürostuhl umdrehe, sehe ich ungebügelte Wäsche, wenn ich aufstehe, stolpere ich über Kinderspielzeug. Frauen wird das oft als ideale Lebensform angepriesen. Weil man für die Kinder da sein und trotzdem arbeiten kann. Ich halte das für das schlimmste Argument von allen. Denn es macht das Zuhause-Arbeiten zu dem, als das es sich anfühlt: zu einer modernen Version des Hausfrauendaseins.









