Zu Hause : Schall & Raum

Kein Vorhang, kein Plüschsofa, kein Teppich: In vielen Wohnungen schluckt nichts mehr die Geräusche. Da muss der Akustikexperte ran.

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Es war nicht leicht, dem Horror einen Namen zu geben. Helmut Fuchs hat es mit „Sumpf“ versucht und mit „Nebel“, am Ende war nur ein Wort stark genug: „Mulm“. Das klingt nach etwas sehr Unerwünschtem, nach Unrat. Das möchte keiner in seinem Wohnzimmer haben.

Wenn Helmut Fuchs „Mulm“ sagt, und das tut er ziemlich häufig, bei sich zu Hause in seinem Sessel in Berlin-Schlachtensee, dann versteht man ihn ganz deutlich. Weil sein Zimmer mulmfrei ist. Das liegt an den Gardinen, den fünf Teppichen, der Ledercouch und den vielen kleinen Kissen darauf. Die schlucken alles, sagt Fuchs. Schlimm wird es nur, wenn er zu Besuch bei Freunden ist oder beim neuen Nachbarn unten an der Ecke. Dann ist er sofort da, dieser störende Klangbrei aus durcheinandergeratenen Tönen. Ein Laie würde sagen: Ist das hellhörig hier. Helmut Fuchs sagt: Der Mulm muss weg.

Fuchs ist 70 und ein sehr höflicher, weißhaariger Mann. Sein ganzes Berufsleben hat er gegen unerwünschte Töne gekämpft, allein 26 Jahre in der Lärmforschung bei der Fraunhofer-Gesellschaft in Stuttgart. Als Raumakustiker regulierte er Schallpegel, in großen Büros, in Tagungsräumen von Bundesministerien und im Orchestergraben der Stuttgarter Staatsoper, und jetzt, im Ruhestand, hat Helmut Fuchs erkannt, dass der Mulm auch in Wohnzimmern wartet.

Schuld sind die tiefen Frequenzen, die unter 250 Hertz. Sie tragen keine Information beim Sprechen, sie stören nur und schaden der Konzentration. Es ist auch ein Problem des modernen Lebensstils, sagt Helmut Fuchs. Weil junge Menschen gerne Zwischentüren aushängen. Weil sie große Fensterfronten und kahle Wände mögen und ganz selten Teppiche, und die Zimmer mit hohen Decken möblieren sie so karg. Optisch findet Fuchs das gar nicht schlecht, im Grunde sei sein eigenes Wohnzimmer bloß so vollgestellt, weil er sich nicht von den Möbeln seiner verstorbenen Frau trennen könne.

Katzen haben es gut, sagt Fuchs. Die können, wenn sie auf die Jagd gehen, einfach ihre Empfindlichkeit für tieffrequentigen Schall abstellen und sich dann auf das Rascheln der Mäuse konzentrieren. Der Mensch kann es leider nicht.

Das Einfachste wäre, in den Baumarkt zu gehen und sich mehrere Packungen Mineralwolle zu kaufen. Die dann in allen Ecken verteilen, damit sie den unerwünschten Schall wie einen Schwamm aufsaugen. Sieht aber unmöglich aus. Deshalb hat Fuchs seine Absorber konstruiert. Schmale Kästen, in denen Mineralwolle oder Weichschaum versteckt ist. Man kann sie sich an die Wand hängen oder unter die Deckenkante. Fuchs kommt persönlich vorbei und schaut, an welchen Stellen sie den Mulm am effizientesten schlucken.

Bis jetzt stellt sein Neffe für ihn die Absorber her, der ist Trockenbauer. Aber Fuchs verhandelt schon mit Unternehmen, möchte seine Schallschlucker bald in Serie herstellen lassen. Es geht ihm nicht ums Geschäft, sagt er. Er will etwas nachhaltig verändern – und auch hinterlassen. Man glaubt ihm sofort.

Helmut Fuchs kann auch ein bisschen aufbrausend werden. Zum Beispiel, wenn er über Architekten spricht. Die achteten nur darauf, dass ein Neubau gut aussehe, aber nie, wie er klinge. Das geht schon seit Jahrhunderten so, sagt Fuchs.

Sabine Fischer ist eine Ausnahme. Die Architektin aus Königstein hat sich auf Innenausbau und Raumakustik spezialisiert, reist durch ganz Deutschland, um schallgeplagten Menschen zu helfen. Gerade war sie bei einer Familie in Bad Homburg. Die hatte sie angerufen, weil sie es im eigenen Wohnzimmer nicht mehr aushielt: „Wir streiten schon, so laut ist es.“ Fischer kam und hörte es mit den eigenen Ohren. Zum Beispiel der Beamer: Wenn Star Trek läuft, schwebt das Raumschiff nicht durchs All. Es wummert. Im Treppenhaus hallt es so stark, dass die Familie schon ganze Wände mit Eierkartons beklebt hat. Doch, sagt Sabine Fischer, Eierkartons haben durchaus gewisse Effekte. Vor allem den, sich bei den Nachbarn lächerlich zu machen. Sie selbst arbeitet ebenfalls mit Mineralwolle. Und mit speziellem Putz. Manchmal zieht sie leicht schiefe Wände ein, damit der Schall nicht frontal in den Raum zurückgeworfen wird. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel.

Sabine Fischer hat bereits viel Grauen in deutschen Wohnungen gehört. Besonders schlimm sind die Wohnetagen mit ihren Kochnischen und offenen Treppenhäusern. Auch die Fußbodenheizungen seien schuld, weil man darüber keinen Teppich legen könne. In vielen Neubauten sei nicht mal Platz für eine Gardinenstange, die Fensterrahmen gehen bis hoch zur Decke. In Hessen hat ein Hausbesitzer seine Baufirma verklagt, weil es im Wohnzimmer so hallte, dass er sich dort nicht aufhalten konnte. Das Gericht sprach dem Mann eine Entschädigung zu.

Nicht jeden stören die gleichen Geräusche. Es kommt sogar vor, dass dieselbe Person einen Klang mal als angenehm, mal als ungeheuer nervend empfindet – je nachdem, was sie damit verbindet und ob sie ihn erwartet hat. Dazu wird gerade in Berlin geforscht, im Bereich Auditive Architektur an der Universität der Künste. Die wichtigste Grundannahme lautet: Keine Klangumwelt existiert ohne denjenigen, der sie wahrnimmt. Und schon allein durch das Hören kann jeder Mensch seine akustische Umgebung aktiv mitgestalten. Indem er Töne einordnet, Bedeutungen zuweist.

Es kommt stark darauf an, was eigentlich stattfinden soll in den eigenen vier Wänden, sagt Thomas Kusitzky, Mitbegründer der Forschungsstelle. Wenn er selbst in seiner Kreuzberger Wohnung das Fenster aufreißt, genießt er die Geräusche von der Straße. Weil er sich so die ganze Stadt ins Haus holt. Wen das aber stört, wer seine Wohnung als Rückzugsort begreift, in dem vor allem er selbst vorkommt und sonst erst mal niemand, der müsse das Fenster trotzdem nicht zwangsweise geschlossen lassen. So einer könne zum Beispiel darüber nachdenken, seine Klangumwelt um ein weiteres Geräusch zu bereichern. „Etwas, das die Vorstellung des Wohnens wieder in den Vordergrund rückt.“ Vielleicht ein Boden, auf dem er seine eigenen Schritte deutlicher hört. Vielleicht eine tickende Uhr.

Noch ist es Grundlagenforschung, sagt Thomas Kusitzky. Sie haben Fragebögen entwickelt, mit denen Teilnehmer ihre Klangumwelt zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem fixen Ort beschreiben können. Erstaunt hat ihn, welche unterschiedlichen Vorstellungen die Menschen von Stille haben. Etwa die zehn befreundeten Familien, die dringend raus aus der Innenstadt ziehen wollten, in ein Wohnprojekt am Landschaftspark Johannisthal. Ein Hauptgrund für die Ortswahl war die erhoffte Ruhe, erinnert sich Thomas Kusitzky. Und als er sie dann bat, diese Ruhe mal zu beschreiben, kam: Vogelzwitschern, Blätterrauschen, Schafsblöken. Er ist da gewesen und hat sie sich angehört, die Stille mit den Schafen. Sie war extrem laut.Sebastian Leber

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