Welt : Zu schwach für ein langes Leben

Die lungenkranke Dolly wurde eingeschläfert

Hartmut Wewetzer

Das Klonschaf Dolly ist tot. Wegen einer Lungenentzündung musste das erst sechs Jahre alte Tier eingeschläfert werden, teilte das schottische Roslin-Institut am Freitag mit. Dolly war weltweit das erste Säugetier, das durch Klonen eines erwachsenen Tiers entstanden war. „Schafe können elf bis zwölf Jahre alt werden, und Lungenentzündungen sind typisch für ältere Schafe“, sagte Harry Griffin vom Roslin-Institut. Der frühe Tod nährt die Befürchtung von Wissenschaftlern, dass Klonen zu vorschneller Alterung führt. Dolly wird nun obduziert.

Als Dolly am 5. Juli 1996 zur Welt kam, ahnte wohl keiner der beteiligten Wissenschaftler auch nur im entferntesten, dass der Name des Tieres bald zur Legende werden würde. Dolly wurde zum Symbol eines neuen Zeitalters der Biotechnik. Für die einen verhieß es neue Therapien und wissenschaftliche Einsichten, für die anderen verkörperte es den Frevel des Menschen, sich selbst zum Schöpfer aufzuschwingen und am Ende auch sich selbst zu „machen“.

Am 27. Februar 1997 „annoncierte“ Ian Wilmut und sein Team im Fachblatt „Nature“ die Geburt eines Schafs, dessen Erbgut aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres stammte. Weil die Zelle aus der Brustdrüse entnommen worden war, tauften die Forscher das Tier Dolly – benannt nach der üppigen Countrysängerin Dolly Parton.

Dolly wurde schnell zur Weltsensation. Die Wissenschaft interessierte dabei vor allem eine Frage: Wie war es möglich, aus einer fertigen Körperzelle neues Leben zu erschaffen? Das konnte nur ein Irrtum sein. Denn die Lebensuhr einer Körperzelle ließ sich nicht zurückstellen – so jedenfalls der Glaube bis zum 27. Februar 1997.

Aber am Ende mussten auch die Skeptiker klein beigeben: Dolly war tatsächlich ein Klon. Ian Wilmut hatte mit allerhand Tricks aus einer entkernten Eizelle und dem Kern einer Körperzelle ein neues Tier erschaffen – wenn auch erst nach 276 Fehlversuchen.

Die Einsamkeit des ersten Klons währte bis zum August 1998, als eine Forschergruppe auf Hawaii bekannt gab, 50 Mäuse geklont zu haben. Es folgten Rinder, Ziegen, Schweine und natürlich weitere Schafe. Dagegen schlugen bislang alle Versuche fehl, Kaninchen, Ratten, Affen, Katzen und Hunde genetisch zu kopieren.

Bis heute ist Klonen nach der Dolly-Methode ein aufwändiges und selten erfolgreiches Unterfangen. Nur ein Prozent aller Embryonen kommt lebend zur Welt. Viele Tiere sterben noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt, haben Atemprobleme, sind viel zu groß bei der Geburt und leiden vermutlich unter etlichen anderen Fehlbildungen.

„Klont keine Menschen!“ lautete deshalb der eindringliche Appell des Dolly-Erzeugers Wilmut, den dieser zusammen mit dem deutschen Stammzellforscher Rudolf Jaenisch am 30. März 2001 im Fachblatt „Science“ veröffentlichte. Denn längst brüsteten sich zweifelhafte Ärzte und Wissenschaftler damit, demnächst Menschen nach Dolly-Art herstellen zu wollen.

Ihren Höhepunkt erreichten die Spekulationen im Dezember 2002, als die bizarre Ufo-Sekte der Raelianer kurz nach Weihnachten bekanntgab, den ersten Menschen geklont zu haben. Zwar blieb die Sekte den Beweis schuldig – aber dafür war sie zu weltweiter Publicity gekommen.

Dolly dürfte von all dem Rummel um seine Person nur wenig mitbekommen haben. Das Tier lebte abgeschirmt und gut behütet in einem eigens hergerichteten Stall. Und es bekam sogar ganz herkömmlichen Nachwuchs, am 13. April 1998 „Bonnie“ und am 24. März 1999 drei weitere Lämmer.

Aber die Hoffnung, dass Dolly trotz seiner Herkunft eine stabile Gesundheit haben würde, erfüllte sich nicht. Im Januar 2002 erfuhr die Welt, dass das Tier unter Arthritis in seinem linken Hinterbein leide und Medikamente bekomme. Schon 1999 war den Wissenschaftlern aufgefallen, dass die Chromosomenenden des Tieres, Telomere genannt, besonders kurz waren. Telomere gelten als Lebensuhr des Organismus. War Dolly schon mit sechs Jahren zur Welt gekommen? So alt war das Tier, von dem der Zellkern stammt. Zumindest rechnerisch hätte sie dann eine normale Lebensspanne gehabt. Auch wenn Dolly nur die Hälfte davon auskosten konnte.

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