Welt : Zu- und Abgeraten: Kennzeichen D - Stimmen aus östlichen Gegenden

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"Das Land Ulro nach Schließung der Zimtläden?" Irritierender Titel. Doch ein erklärbarer: Seine erste Hälfte bezieht sich auf einen Essay des polnischen Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz, in dem er über den Verlust des Sinns für Metaphysik klagt, seine zweite auf die in jeder Hinsicht fantastischen Erzählungen seines Landsmannes Bruno Schulz. Er steht auch über dem Aufsatz von Uwe Grüning, der dieser Anthologie mit "Stimmen aus Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn" die Richtung vorgibt. Es ist nicht einfach, sich mit Grünings kulturkritischem Leiden an der Gegenwart anzufreunden, das eine zutiefst ostdeutsch-fundamentalistische Grundierung hat. Aber fast alle anderen Prosa- und Lyrikbeiträge, unter anderem von so namhaften Autoren wie Kurt Drawert, Stefan Chwin und Zsófia Balla, entschädigen dafür bei weitem.

Organisiert hat diesen Band die Dresdner Zeitschrift "Ostragehe", die unter dem Motto "Entzauberung und Distanz" gerade ihr zwanzigstes Heft vorgelegt hat. Das ist immer noch auf die DDR gemünzt, die den deutschen Autoren offenbar stärker im Nacken sitzt als der Sozialismus den Schriftstellern in Osteuropa. Auch deswegen ist der Versuch, mit dem Sonderband ein grenzüberschreitendes Gespräch zu herbeizuführen, eine spannende Angelegenheit.

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