Welt : Zu- und abgeraten: Luise Rinser: Bruder Feuer

Ulrich Karger

Ein Zeitungsreporter soll über einen Verrückten namens Franz schreiben, der in den Bergen eine Kommune gegründet hat und dem ein Prozess wegen Hexerei droht. Ausgangspunkt seiner Recherchen ist die kleine Stadt Assisi, wo Franz als Sohn eines reichen Textilhändlers aufgewachsen ist. Und er erfährt, dass Franz dem Vater das Erbteil vor die Füße geschmissen hat, die Freiheit der Armut kennenlernen will und alles, was er und seine Anhänger erwirtschaften, den noch Bedürftigeren geben will. Zum 90. Geburtstag von Luise Rinser wurde "Bruder Feuer" eines ihrer erfolgreichsten Bücher als handliches Hardcover neu aufgelegt. Es nach gut 25 Jahren wieder zu lesen, setzt eigentümliche Verfremdungseffekte frei, was aber nicht heist, dass das Buch nicht noch heute von fesselnder Gültigkeit wäre. Allein schon das radikale Moment in dem Leben dieses Franz von Assisi dürfte kaum einen Jugendlichen zu irgendeiner Zeit kalt lassen. Zudem gelang es der Autorin sehr anschaulich, das öffentlich gemachte Pro und Contra als erhellend demokratiesirendes Phänomen herauszuarbeiten. Und wer weiß, ob nicht gerade die anklingenden innerkirchlichen Reibungen um diesen "Heiligen" wieder Interesse für die Kirchen weckt. Provozierte damals der ungehemmte Einsatz von Begriffen wie "Kommunismus" die (West-)Erwachsenen, zielt es jetzt wohl weit mehr auf den "Konsumismus" bei den Jugendlichen selbst.

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