Welt : Zu viel Süßholz

Weil sie Lakritz aß und krank wurde, zieht Berlinerin vor Gericht

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Bonn/Berlin (bas/ari/dpa). Sie ist eine Sondermischung in einer Sondergröße und nur bei Aldi Nord erhältlich: Die Lakritztüte Matador von Haribo, pralle 400 Gramm Salinos, Schnecken, dragierte Lakritz und solche mit Konfektfüllung. Das schmeckt vielen – und einer ganz besonders: Eine 48jährige Berlinerin will vier Monate lang jeden Tag eine Matador-Tüte gegessen haben. Zu viel für sie: Sie habe Herz-Kreislauf-Probleme bekommen, sei zusammengebrochen, in die Klinik gekommen und sechs Monate arbeitsunfähig gewesen. Das sei Haribos Schuld, findet die 48-Jährige – und verklagte das Unternehmen: Es habe nicht vor den Folgen des übermäßigen Konsums von Lakritz und dessen Inhaltsstoff Glycyrrhizin, also Süßholzzucker, gewarnt (AZ: 9 O 603/03).

In der Firmenzentrale sieht man dem Urteil des Bonner Landgerichts, das am Montag fallen soll, gelassen entgegen. „Die Sachlage ist eindeutig“, sagt Ulrich Preußer, Leiter der Rechtsabteilung. Haribo habe sich nichts vorzuwerfen. Ein Zusammenhang zwischen dem Lakritzkonsum der Frau und ihren Herzbeschwerden sei nicht herzustellen. Zudem habe die Firma nicht auf den Inhaltsstoff Süßholzzucker hinweisen müssen. Denn dessen Anteil betrage nur zwischen 0,08 und 0,18 Prozent, damit liege dieser Wert unter der Kennzeichnungspflicht von 0,2 Prozent.

„Tatsächlich ist bekannt, dass der Konsum von Lakritz zu Herzrhythmusstörungen und, nach dauerhafter Einnahme, auch zu Bluthochdruck führen kann“, sagt der Herzspezialist Dietrich Andresen vom Berliner Vivantes-Klinikum Am Urban. Glycyrrhizin ist ein natürlicher Bestandteil des Süßholzsaftes, der wegen seines Geschmacks zur Herstellung von Lakritz verwendet wird. Süßholzsaft wird aus den getrockneten Wurzeln der vor allem im Mittelmeerraum vorkommenden Süßholzpflanzen gewonnen. Er wird seit mehr als 4000 Jahren in der Medizin etwa gegen Magenbeschwerden verwendet. Eine kürzlich veröffentlichte Studie weist sogar nach, dass eine Substanz der Süßholzwurzel das Gedächtnis auf Trab bringen kann. In hohen Mengen jedoch kann das Glycyrrhizin gefährlich werden. Es hemmt ein Enzym, dass den Mineralstoffhaushalt reguliert. „Bei ständigem Verzehr größerer Mengen von Glycyrrhizin kann es zu einer Veränderung des Mineralstoffwechsels mit Natriumanreicherungen und Kaliumverlusten kommen“, warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Mögliche Folgen: Wassereinlagerungen im Gewebe, Muskelschwäche und Bluthochdruck. Das Institut empfiehlt, nicht mehr als 50 Gramm Lakritze täglich zu konsumieren.

Für den Haribo-Juristen Preußer liegt der monatelange tägliche Verzehr der Jumbotüte Lakritz jenseits gängiger Ernährungsmuster. „Das übersteigt die Vorstellungskraft eines normalen Konsumenten“, ist er überzeugt. Doch im Internet wird auf einer Einkaufsberatungsseite die Mischung von Matador sehr gelobt. Nur eines störe, schreibt Miara: „Leider lässt sich die Kunststofftüte nicht wieder verschließen, so dass die Gefahr besteht, dass die Lakritze austrocknen, sofern man nicht alles auf einmal aufisst.“

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