Welt : Zu wissen glauben

Andrew Mortons Biografie trägt Züge einer eiligen Skandalpublikation – aber dient das der Kritik an Scientology?

Claudia Keller,Veronika Rall

Andrew Morton ist ein Autor, der „Wahrheit“ gerne in seinem Wortschatz führt. Schon sein skandalträchtiges Buch über die Prinzessin von Wales heißt „Diana. Her True Story In Her Own Words“ (Diana. Ihre wahre Geschichte in ihren eigenen Worten), und wenn er nun ein Buch über Tom Cruise veröffentlicht, steht die Wahrheit in der ersten Zeile: „Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Tom Cruise Mapother IV ist immer schon ein Mann der Frauen gewesen.“

Liest man weiter, entdeckt man, dass Morton viel mit Spekulationen handelt. Ob das der Kritik an Scientology nützt, ist fraglich. Schon der Originaltitel ist ein wenig verräterisch: „Tom Cruise – An Unauthorized Biografie“. Unautorisierte Biografien sind im angelsächsischen Raum ein ganz eigenes Genre, das Fakten, Gerüchte und allerlei Geschichten von allerlei Leuten vermischt.

Andrew Morton ist um kräftige Vergleiche nicht verlegen. „Mehr als jeder andere Filmstar ist Tom Cruise ein Messias.“ Als seine Frau Katie Holmes schwanger war, seien Sektenmitglieder überzeugt gewesen, „Toms Baby werde die Reinkarnation von L. Ron Hubbard sein“. Einige hätten es gar für möglich gehalten, dass sich die Schauspielerin mit Hubbards eingefrorenem Samen habe befruchten lassen.

Hätten es für möglich gehalten. Niemand kann beurteilen, ob solche Spekulationen richtig sind. Umgekehrt müssen Mortons Geschichten und Thesen nicht unbedingt falsch sein. Zwar sind nicht alle Zitate mit Namen belegt, aber bei einer Recherche über Scientology auch nicht immer möglich. Morton hat mit Dutzenden Aussteigern auf der ganzen Welt gesprochen und mit Noch-Mitgliedern, er hat Schulfreunde von Cruise befragt, ExFreundinnen und deren Familien.

Für Morton ist die Inszenierung von Cruise, Katie Holmes und der kleinen Suri als Heilige Familie der Höhepunkt von Cruises Karriere bei der Psycho-Sekte, wo er „de facto und informell die Nummer zwei ist, eingebunden in alle Aspekte der Planung und Strategie“. Auch sein eigenes Leben sei perfekt geplant. Was auch immer Cruise redet, wie und wo er auftritt, seine Filmrollen ebenso wie sein Privatleben, seien darauf ausgerichtet, seinen Glauben auszubreiten: Der Messias ist auch der erste Missionar seiner Sekte. Besonders Europa und Deutschland seien im Visier des „Operierenden Thetans VII“. Denn besonders in Deutschland dümpeln die Mitgliedszahlen seit Jahren bei 5000 bis 6000, wie der Verfassungsschutz weiß. Auch die vor einem Jahr eröffnete Hauptstadtzentrale – ein wichtiger „Brückenkopf“ – konnte daran nichts ändern. Deutschland mit seinem potenziellen Markt von 82 Millionen Menschen sei „eine äußerst verlockende Beute“, schreibt Morton.

Während die nichtprominenten Mitarbeiter der Organisation hinter den Kulissen Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses von sich zu überzeugen versuchten, fädelte Cruise mit seinem Filmprojekt „Valkyrie“ und seiner Rolle als Hitler-Attentäter Stauffenberg einen seiner genialsten Coups ein. „Nicht nur, dass ein führender Scientologe eine Symbolfigur der neuen deutschen Demokratie darstellen sollte, die Filmemacher wollten auch genau an den historischen Stätten drehen, wo die Geschichte begann und endete“, schreibt Morton. „Damit wollten sie ihre ideologischen Sturmtruppen im Tarnkleid künstlerischer Integrität und religiöser Freiheit durch die Straßen Berlins marschieren lassen“. Auch die Feuilleton-Debatte um Recht und Unrecht in Sachen Scientology sei Teil des Plans gewesen. „Die Scientology-Führung lachte sich einen Ast“, weiß Morton von einem früheren Scientologen, der in die Pläne der Organisation zur Ausbreitung in Europa eingeweiht war.

Sachlich falsch ist Mortons Darstellung der Entscheidungen um „Valkyrie“. Morton behauptet, dass zuerst eine Debatte um die Drehgenehmigung entbrannt sei, Cruise es dann verstanden habe, „ausgewählte Journalisten“ (gemeint sind offensichtlich „FAZ“ und „FAS“) auf seine Seite zu ziehen: „Innerhalb weniger Wochen machte sich die Strategie bezahlt. Das deutsche Verteidigungsministerium winkte mit der weißen Fahne und genehmigte die Dreharbeiten im Bendlerblock. Nach dieser bitteren Niederlage wurde dem Film ein Zuschuss von 4,8 Millionen Euro zugesprochen. Richtig ist, dass die Gelder aus dem Deutschen Filmförderfonds bereits im Juli 2007 zugesagt waren. Die Drehgenehmigung kam erst im September.

Mortons Buch trägt Züge einer schnell auf den Markt geworfenen Skandalpublikation. Ziel war aber auch nicht, eine wissenschaftliche Publikation über Scientology zu schreiben, sondern eine lesbare Biografie über Tom Cruise. Das ist durchaus gelungen.

Andrew Morton: „Tom Cruise: Der Star und die Scientology-Verschwörung“. München: Droemer Verlag. 2008. 432 Seiten. Euro 19,95

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