Welt : Züricher Posträuber in Berlin gestellt

WERNER SCHMIDT

Libanese verbarg sich bei Verwandten / Nur noch ein Haupttäter flüchtig / Hälfte der Beute fehltVON WERNER SCHMIDTKnapp sieben Wochen nach dem größten Coup der internationalen Kriminalgeschichte - dem Raubüberfall auf die Fraumünsterpost in Zürich - ist nur noch einer der fünf Haupttäter auf der Flucht.Sein Name ist bekannt, sein Fahndungsfoto ziert die Zeitungsseiten.Von der Beute in Höhe von 53 Millionen Schweizer Franken (rund 63,6 Millionen) ist dagegen erst die Hälfte sichergestellt.Die Spur der aus internationalen Verbrechern bestehenden Bande führte die Fahnder nach Norditalien, Südspanien und schließlich auch nach Berlin.Hier wurde bereits in der Nacht zu Mittwoch der 28jährige Libanese Hassan El Bast festgenommen, der als einer der führenden Köpfe gilt.Er hat seine Tatbeteiligung am Freitag gestanden.El Bast wurde nach einem Tip aus der Bevölkerung in Kreuzberg an der Baerwald-, Ecke Gneisenaustraße festgenommen. Getarnt hatte sich der seit dem 5.September mit Haftbefehl Gesuchte mit einer Perücke und einem falschen niederländischen Paß.Untergekommen war er bei einem 23jährigen Landsmann, einem weitläufigen Verwandten.Nach dem spektakulären Überfall am 1.September krochen einige der arabischen Bandenmitglieder offenbar bei ihren überall in West-Europa lebenden Familienangehörigen unter.El Bast wurde dies zum Verhängnis.Mit ihm wurden noch weitere vier 23 bis 30 Jahre alte Libanesen in Berlin und Brandenburg festgenommen.Auch ein Deutscher geriet in die Hände der Polizei, wurde aber schon bald wieder entlassen.Der Verdacht gegen ihn, hatte sich nicht erhärtet.Bis auf El Bast wurden auch die libanesischen Verdächtigen wieder auf freien Fuß gesetzt.Haftgründe lagen nach Auskunft von Detlef Schade, Leiter der Raubinspektion im Landeskriminalamt Berlin, nicht vor. Es werde aber wegen Hehlerei und Verdachts der Geldwäsche gegen sie ermittelt, sagte Schade.El Bast will sich an die Schweiz ausliefern lassen. Bei der Durchsuchung der Wohnungen der Verdächtigen in Berlin und Falkensee wurde Geld sichergestellt, darunter auch Schweizer Franken.Die Summe nannten weder die Berliner Fahnder, noch der zuständige Züricher Bezirksstaatsanwalt Rolf Jäger: "Es ist kein namhafter Betrag, der auf die Beute schließen läßt", sagte er dem Tagesspiegel auf Anfrage.Die Berliner und Zürcher Fahnder hatten allerdings zuvor gehofft, hier auf einen nicht unwesentlichen Beuteanteil zu stoßen. Von den fünf Tätern, die den dreisten Coup ausführten, ist jetzt nur noch der Italiener Domenico Silano auf der Flucht.Ob er auch die noch fehlenden 27 Millionen Schweizer Franken aus der Beute bei sich hat, steht nicht fest.Für deren Wiederbeschaffung ist eine fette Belohnung ausgesetzt: zwei Prozent des wiedergefundenen Geldes, maximal also 540 000 Franken, winken für erfolgreiche Hinweise. Silanos Komplizen befinden sich zur Zeit in Mailand und Madrid in Auslieferungshaft.In Zürich sitzen elf Männer und eine Frau in Untersuchungshaft.Sie sollen am Raubüberfall oder dessen Planung beteiligt gewesen sein, und die Flucht der Täter vorbereitet haben. Der Züricher Überfall wird oft in einem Atemzug mit dem legendären britischen Postraub im August 1963 genannt.15 Männer um Ronald Biggs hatten damals aus einem Zug Postsäcke mit über 2,6 Millionen Pfund (damals 26 Millionen Mark) geraubt.Sie stellten sich allerdings wesentlich intelligenter an als die Züricher Kollegen, die über ihre eigene Dummheit stolperten.Was ursprünglich wie der geniale Coup von Profis aussah, entpuppte sich für die Fahnder bald als eine Tat von Dilletanten, die ihren Beuteanteil mit vollen Händen aus dem Fenster warfen.Nicht nur, daß sie 17 Millionen Franken auf dem Hof der Post zurücklassen mußten - das zum Abtransport der Beute gestohlene Auto war zu klein, um alle Geldkisten unterzubringen - einer der Täter hinterließ auch einen Fingerabdruck, weil sein Gummihandschuh gerissen war.Andere fielen der Polizei auf, weil sie in spanischen Spielcasinos den Lebemann spielten.Ein 21jähriger Schweizer wurde knapp drei Wochen nach dem Überfall festgenommen, nachdem er im spanischen Alicante ein Bankkonto eröffnete und drei Millionen Franken in bar einzahlte.Bei solchen Summen wird automatisch die spanische Zentralbank eingeschaltet, die der Herkunft des Geldes nachspürt. Von Posträuber zu Posträuber Der gute alte Posträuber Ronald Biggs, hat zwar schon mal aus der Presse über seine "Kollegen" von Zürich gehört, aber mit denen verglichen werden will er nicht.Das sagte er dem Korrespondenten des Tagesspiegel in Rio ganz deutlich.Es würde ja auch nur seinen Nimbus ankratzen, meint der Brite.Ronald, der "good sport", der er immer schon war, fürchtet "nichts auf der Welt", sagt er, auch nicht seine mögliche Auslieferung in die alte Heimat.Der Humor ist ihm bislang nicht abhanden gekommen.Und die finanzielle Lage des ehemaligen Millionräubers? "Für ein Bierchen reicht es immer noch, und was braucht man im sonnigen Rio schon mehr zum Leben?".Einen speziellen Gruß des englischen Posträubers gilt den "toten Hosen", die er offensichtlich gerne hört.goe.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben