Welt : Zugunglück: Gefahr im Verzug

Klaus Kurpjuweit

Auf der ICE-Strecke Hannover-Berlin ist bei einem Zugzusammenstoß in der Nacht zu Freitag ein Bahnmitarbeiter gestorben, ein weiterer erlitt einen Schock. Der ICE "Theodor Mommsen" aus Nürnberg prallte um 23 Uhr 14 nahe Schönhausen bei einer Geschwindigkeit von 130 km/h mit einem leichten Baufahrzeug der Bahn zusammen, das auf dem gleichen Gleis stand.

Ein Arbeiter wurde durch den Aufprall von der Plattform des Wagens geschleudert; der 46-jährige Gleisbauarbeiter starb noch am Unfallort. Die etwa 270 Fahrgäste des ICE blieben nach Angaben der Bahn ebenso wie der Triebwagenführer unverletzt. Allerdings mussten sie stundenlang auf die Weiterfahrt mit einem Ersatzzug warten. Der ICE war nicht entgleist.

Durch den Funkenflug beim Zusammenprall war auch ein Benzinkanister auf dem Bauwagen in Brand geraten. Das Feuer sprang zwar auf den ICE-Triebkopf über, konnte aber nach Angaben der Polizei sofort gelöscht werden. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Hannover-Berlin war bis um 8 Uhr früh in beiden Richtungen gesperrt, danach konnte ein Gleis für den Verkehr freigegeben werden. Um 10 Uhr waren dann wieder beide Gleise in Betrieb. Bis zum Mittag hatten die Züge im Fern- und Regionalverkehr Verspätungen bis zu einer Stunde.

Zum Unfall wollte sich die Bahn gestern nicht weiter äußern, bevor die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abgeschlossen seien. An der Unfallstelle war eine so genannte Wanderbaustelle eingerichtet, die von Nacht zu Nacht wechselt. Die Arbeiten müssen jeweils dem Fahrdienstleiter gemeldet werden, der das Gleis mit dem Bauzug dann sperrt. Dieser befand sich jedoch nach Angaben der Bahn außerhalb des gesperrten Gleises. Das Gleis, in dem die Arbeiten vorgesehen waren, sei gesperrt gewesen.

Dazu wird in der Regel das Signal, das den Streckenabschnitt sichert, auf Rot gestellt und für die Regelzüge eine Umfahrungsstrecke eingerichtet. Auf der 1998 eröffneten Neubaustrecke Hannover-Berlin ist dies im Prinzip problemlos möglich, die Gleise sind signaltechnisch für einen Betrieb in beide Richtungen ausgestattet. Was zu dem Zusammenstoß führte, muss jetzt die Staatsanwaltschaft ermitteln.

Die etwa 270 Fahrgäste im ICE waren nach ihren Angaben schnell von dem Unfall und der Verzögerung bei der Weiterfahrt informiert worden. Der Ersatzzug mit nur drei Wagen war zwar um 1 Uhr 30 an der Unfallstelle, die Abfahrt nach Berlin erfolgte aber durch den langsamen Ausstieg erst um 3 Uhr 15. Der rappelvolle Ersatzzug hielt dann im Bahnhof Rathenow zwar 30 weitere Minuten neben einem leeren Doppelstockzug mit mehr Platz, umsteigen durften die Fahrgäste aber nicht.

Weil es keine Gefahr für die Fahrgäste im ICE gab, habe man sich zu einem "kontrollierten Ausstieg" an nur einer Tür über eine Behelfstreppe entschlossen, sagte Bahnsprecherin Kornelia Kneissl. Im Notfall würden alle Türen geöffnet. Im Zug seien auch mehrere Behelfstreppen vorhanden.

Bahn sieht keine Sicherheitsmängel

Der Bahnvorstand betont zwar regelmäßig, dass es keine Sicherheitsprobleme gebe, trotzdem häuften sich in jüngster Vergangenheit Unfälle durch menschliches oder technisches Versagen. 101 Menschen starben am 3. Juni 1998, als an einem ICE bei Eschede ein Radreifen brach, der Zug entgleiste und gegen eine Brücke prallte. Neun Fahrgäste verloren am 6. Februar dieses Jahres bei einem Unfall in Brühl bei Köln ihr Leben. Dort war ein Lokomotivführer zu schnell über eine Weiche an einer wegen Bauarbeiten eingerichteten Umleitungsstrecke gefahren, wodurch der Nachtzug entgleiste und gegen ein Haus prallte. Zwei Menschen starben im Februar 1999 bei einem Zusammenstoß zweier Züge in Immenstadt in den Alpen. Dort war ein Zug wegen einer eingefrorenen Weiche umgeleitet worden. Zwei Feuerwehrleute kamen im November 1997 im brandenburgischen Elsterwerda ums Leben, wo ein Kesselwagenzug Feuer gefangen hatte. Damals war vor der Fahrt die Bremsanlage nicht ordnungsgemäß überprüft worden.

Kritiker warfen dem Bahnvorstand vor, durch Personaleinsparungen die restlichen Mitarbeiter häufig zu überfordern, was der Vorstand stets zurückwies. Auch jetzt plant die Bahn weitere Stellenstreichungen.

Stundenlang in Zügen eingesperrt waren Fahrgäste zuletzt auch bei einfachen Pannen. Erst nach vier Stunden konnten am 21. Oktober dieses Jahres Fahrgäste aus einem ICE in Busse umsteigen, nachdem der ICE wegen eines Kurzschlusses im Führerstand liegen geblieben war.

Rund drei Stunden steckten nur wenige Tage zuvor etwa 400 ICE-Fahrgäste wegen eines Maschinenschadens in einem Tunnel der Neubaustrecke Würzburg-Fulda fest. Der Bahn war es nicht gelungen, den defekten ICE abzuschleppen, weil es Kupplungsprobleme gab.

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