Zuhause : Das Haus am Ende der Welt

Wyoming, USA, das ist: Cowboyland, Einsamkeit, bitterkalte Winter. Und genau hier hat sich Annie Proulx einen Lebenstraum erfüllt

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Sommerhaus, später. Im hohen Alter ist „Brokeback Mountain“-Autorin Proulx in dieses Haus in den Wilden Westen gezogen. Foto: Wayne Thom/Promo
Sommerhaus, später. Im hohen Alter ist „Brokeback Mountain“-Autorin Proulx in dieses Haus in den Wilden Westen gezogen. Foto:...

Die meisten Amerikaner haben einen Traum für die Rente: ein Häuschen in Florida. Dort, wo es bequem und warm ist, mit viel Strand rundherum und vielen anderen Rentnern. Die Schriftstellerin Annie Proulx hingegen hat sich dort niedergelassen, wo die wenigsten im Alter hinwollen: im Wilden Westen. Als sie 70 wurde, hat sie begonnen, sich ein Haus in Wyoming zu bauen. Gerade mal 500 000 Amerikaner leben hier, so wenig wie in keinem anderem US-Bundesstaat. Wyoming, das heißt: Waipitihirsche, Antilopen, Kühe und Cowboys.

Ein amerikanischer Traum ist es dennoch. Seit 2005 lebt Annie Proulx, Jahrgang 1935, nun in einem Tal am Rand der Medicine Bow Mountains, rundherum Prärie, Sumpf und Steppenland. Es gibt gelbe Felsen, die steil zu einem Fluss abfallen, und wenn die Pulitzer-Preisträgerin („Schiffsmeldungen“) aus dem Fenster sieht, sind da Klippen, und ein Weißkopfseeadler sammelt Zweige, um sein Nest winterfest zu machen. Es ist die Landschaft, die Proulx in ihren Texten immer beschworen hat. In „Brokeback Mountain“ etwa, ihrer berühmten Kurzgeschichte über zwei Hirten und ihre Liebe zueinander, die an den äußeren Umständen und inneren Zwängen scheitert.

„Bird Cloud“ nennt Proulx ihr neues Zuhause. Ein Haus, langgezogen wie eine Scheune, mit hohen Fenstern und einer Front aus recyceltem Metall, das im Regen und im Schnee rostbraun geworden ist. Proulx weiß noch genau, wie ihr die Architekten das Kupferblech für den Windfang schmackhaft machten. Um zu demonstrieren, dass es schöne Patina ansetzen würde, durften alle vom Bau mal draufpinkeln.

Auch sonst ist die Wohnlage ungewöhnlich. Das merkt man, wenn man mit Annie Proulx über ihr neues Leben reden will und das Buch, das sie darüber geschrieben hat, „Ein Haus in der Wildnis“. Skypen – funktioniert nicht. Eine Handyverbindung – Glückssache. Internet – nur wenn der Satellit will. Also die Fragen per E-Mail schicken, Tage später kommen die Antworten zurück. Kommunikation, so entschleunigt wie zu Zeiten der amerikanischen Siedler, als in Wyoming die Eisenbahn gebaut wurde.

Speziell ist auch der Besuch, den Annie Proulx bekommt. Gerade sei ein Freund aus New Mexico zum Jagen bei ihr gewesen, erzählt sie in ihrer Mail. Nach ein paar Tagen hatte er einen Zehnender-Maultierhirsch erlegt. Wobei es gar nicht so einfach ist, nach „Bird Cloud“ vorzudringen. Nicht nur, weil das Grundstück so groß ist, dass der Mann vom United Parcel Service die Post immer am Eingangstor abstellt, eine halbe Meile vom Haus entfernt. Erst unlängst fuhr die Schriftstellerin vom Einkaufen nach Hause, als das Auto vor ihr auf der kurvigen Straße abrupt stoppte. Proulx wunderte sich, kein Verkehrshindernis weit und breit. Dann sah sie „das Problem“: „Ein riesiger, dunkler Puma saß am Straßenrand, den Schwanz über die Fahrbahn ausgestreckt, und leckte sich die rechte Pfote. Ich schaute und wartete, der Fahrer vor mir schaute und wartete.“ Bis er irgendwann das Gaspedal aufheulen ließ und der Puma davonsprang.

Foto: Marc McAndrews/Getty Images
Foto: Marc McAndrews/Getty ImagesFoto: Getty Images

Weitere Dinge, die eigentlich unter die Rubrik „mietmindernd“ fallen: Der nächste Nachbar ist eineinhalb Meilen entfernt. Zum Plauschen hat er keine Zeit, er hat eine Ranch, „und Rancher sind immer im Stress“, so Proulx. Es ist auf keinen Fall ein Ort, den Makler als „belebte Lage“ anpreisen könnten.

Die nächsten Geschäfte sind so weit entfernt, dass Proulx ihr Gemüse selbst zieht, für Tomaten und Salat hat sie ein eigenes Glashaus. Und da sind noch die Kühe. Ständig trampeln sie über das Grundstück. Am Anfang hat Proulx sie noch verjagt und die Rancher angerufen, denen sie gehören. Dann wurde es ihr zu bunt. Sie ließ für viel Geld einen Zaun bauen. Das dauerte Jahre, zumal einer der Cowboys keine Lust hatte, mit den Kühen einen Umweg zu machen und ständig den Zaun durchschnitt. Annie Proulx hat es dennoch nie bereut, hierher gezogen zu sein. „Ich liebe diesen schönen und ruhigen Flecken Erde.“

Aber wie baut man überhaupt ein Haus in der Wildnis? Auf sumpfigem Land, auf dem es zwar jede Menge Vögel gibt, aber weder Wasseranschluss noch Telefonleitung? Am Anfang war der Traum. Proulx zeichnete Skizzen von langgezogenen Sehschlitzen, Terracotta-Böden und einem japanischen Badezimmer. Dann kam die Realität, die Proulx wie jeden Bauherren viel Geld und Nerven kostete.

Ein Landschaftsgestalter musste engagiert werden, der Bäume und Sträucher gegen den Wind pflanzte. Ein Brunnen musste gegraben, Stromleitungen gelegt werden. Das Baumaterial musste in die Einöde gelangen, was pro Fuhre zwei Stunden dauerte. Arbeiter zu finden war ebenfalls nicht so einfach, die meisten waren in der Gasförderung beschäftigt. Die, die schließlich Zeit hatten, wohnten im Motel, das Proulx bezahlen musste. Psychologischen Zuspruch bekam sie kaum. Freunde rieten ihr, den Hausbau bleiben zu lassen oder nur eine Hütte zu bauen. Ihr erwachsener Sohn gestand ihr, dass ihm die Gegend überhaupt nicht gefalle.

Dazu kamen Krankheiten und Zahnschmerzen. Helfer brachen sich Arme, mussten am Blinddarm operiert werden. Aus dem Planungsbüro sprangen Leute ab, und als Proulx endlich ihre japanische Badewanne einweihen konnte, flutete das Abwasser die Bibliothek und die Aktenschränke. Das dicke Ende kam aber erst noch. Als die Schneeberge auf der Baustelle im Winter immer höher wurden, fand Proulx heraus, was es mit der Zufahrtsstraße auf sich hatte, die der Makler als so verkehrsgünstig angepriesen hatte. Sie wurde im Winter nicht geräumt. Das Haus, in das die Schriftstellerin alle ihre Ersparnisse gesteckt hatte, war noch nicht mal das ganze Jahr über bewohnbar.

Jetzt ist es wieder so weit, schreibt Annie Proulx. Die ersten Winterstürme ziehen ins Land, Schneefall ist angesagt. „Das ist überhaupt keine gute Nachricht.“ Schneeflocken bedeuten, dass sie weg muss aus Bird Cloud und aus Wyoming, das seit 1995 ihre Heimat ist. Sie macht es nun wie die Vögel, die sie in Bird Cloud täglich beobachtet. Sobald der Winter kommt, zieht sie nach Süden, nach New Mexico.

Das sind längst nicht alle Widrigkeiten. In ihrem Buch schreibt sie von Wasserfluten und Schneestürmen und von Dacharbeiten, die bei minus 30 Grad durchgeführt wurden. Wie Jahr um Jahr hereinrollt, „wie ein Flusskiesel in der Strömung“, und das Haus ist noch immer nicht fertig. Wieder und wieder kommt sie dabei auf die amerikanischen Pioniere zurück, die hier jagten, Eisenbahnschienen legten, Vieh hielten. Auf die Ureinwohner und ihre Traditionen, auf ihre Art, das Jahr in Monde und drei Jahreszeiten einzuteilen, auf ihre Mythen und ihre verzweifelten Versuche, sich den Siedlern entgegenzustellen.

Es sind Geschichten von Abenteuern, Gewalt und Entbehrungen und davon, was Menschen der allgewaltigen Natur abtrotzen können. Geschichten vom Wilden Westen, die im Bauprojekt der Schriftstellerin vielleicht eine Fortsetzung finden sollen.

Gelohnt habe es sich trotzdem. Der schönste Moment sei der gewesen, an dem sie das erste Mal allein im Haus war, schreibt Proulx. Auf Fotos sieht man weitläufige Räume mit vielen Bücherregalen und eine helle Küche, in der Kupfertöpfe von der Decke hängen. Es gibt viele warme Brauntöne und eine Sitzecke, in der Proulx nachmittags um fünf ein Glas Wein trinkt und zusieht, „wie die Klippen sich von Weiß zu Gold zu Dunkelgrau färben“.

Ob sie manchmal die Stadt vermisst? „Wie könnte ich?“, schreibt Proulx in der Mail. Und das Rentnerparadies Florida? Nicht einmal in den schlimmsten Momenten in Bird Cloud sei ihr das in den Sinn gekommen. Von allen Orten der Welt sei Florida der letzte, an dem sie leben wolle.

Annie Proulx, „Ein Haus in der Wildnis“, erscheint am 9. November im Luchterhand Verlag

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