Zum 100. Geburtstag : Lilli Palmer - alterslos elegant

Lilli Palmer spielte ihre Rolle in der schrecklich netten Nachkriegsgesellschaft perfekt. An diesem Samstag wäre die Filmschauspielerin und Schriftstellerin 100 Jahre alt geworden

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Lilli Palmer in dem 1981 gedrehten Film „Feine Gesellschaft - beschränkte Haftung“. Die Schauspielerin starb am 27. Januar 1986 in Los Angeles. Foto: picture-alliance
Lilli Palmer in dem 1981 gedrehten Film „Feine Gesellschaft - beschränkte Haftung“. Die Schauspielerin starb am 27. Januar 1986 in...Foto: picture-alliance

In den heroischen Zeiten des Fernseh-Talks hatten die Herren Blacky Fuchsberger, Wolfgang Menge und Robert Lembke nicht selten Lilli Palmer als brillante Konversationspartnerin zu Gast. Die zierliche, alterslos elegante Lady mit den großen Augen verkörperte anglosächsischen Film- und Bühnenglamour, sie war mit dem internationalen Jet Set auf Du und Du und konnte in perfektem Timing wie nach einem gut gebauten Dialogbuch plaudern.
Lilli Palmer machte das toupierte Kurzhaar zum Zeichen nonchalanter Damenhaftigkeit. Sie trug kontrolliertes kosmopolitisches Flair ins kleinkarierte westdeutsche Medienbusiness, und geschickter als Romy Schneider und Hildegard Knef bediente sie die Gier der Klatschpresse. Taumeln zwischen Gefallsucht und Verletzlichkeit kam in ihrem öffentlichen Bild nicht vor. Dieser Star behielt innere Tumulte für sich und ging die Herausforderung, nach erzwungener Emigration in die schrecklich nette deutsche Nachkriegsgesellschaft zurückzukehren, mit professionellem Rollenspiel offensiv an.
In den 1970er Jahren, als Memoiren prominenter Ufa-Altstars wie Pilze aus dem Boden schossen, landete sie mit ihrer Autobiographie „Dicke Lilli – gutes Kind“ einen Coup. Nach bald hundert Filmen und zahllosen Bühnenperformances erfand sich Lilli Palmer als Schriftstellerin noch einmal neu. Ihre Erinnerungen führten in die zerstörte und verdrängte Lebenswelt des deutschen jüdischen Bürgertums vor 1933 zurück. Wichtiger noch: Ihr heiterer Stil zauberte den Eindruck, das moralische Rüstzeug ihrer preußischen Erziehung hätte sie instandgesetzt, ihr Quäntchen Glück im Unglück der Vertreibung zu erkennen und darauf eine kosmopolitische Karriere aufzubauen.

Sie entstammte einer bildungsbürgerlichen Arztfamilie aus Posen

Geboren am 24. Mai 1914 im preußischen Posen, dem heutigen Poznan, entstammte Lilli Palmer einer bildungsbürgerlichen Arztfamilie, der nach dem ersten Weltkrieg in Berlin ein Neuanfang gelang. Sie war eine Sportskanone an der reformpädagogischen Wald-Schule im Westend und machte ihr Abitur parallel zur Schauspielprüfung, um wie ihre Mutter eine Bühnenkarriere zu beginnen. Als 19-Jährige trat sie im Pariser Exil mit ihrer Schwester als Nachtclubsängerin auf, trank aber lieber Milch als Champagner. In England allmählich auf der Bühne und im Kino erfolgreich, ging sie mit ihrem Mann Rex Harrison und einem Studio-Vertrag in der Tasche nach Hollywood und hielt eisern an ihrer Ehe und den gemeinsamen Bühnenengagements fest, auch als der notorische Schürzenjäger Harrison Skandale provozierte. Dann fast 30 Jahre mit dem argentinischen Schauspiel-Beau Carlos Thompson verheiratet, wusste sie dessen schwere psychische Erkrankung souverän vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

"Die preußische Diva" - eine Biographie von Heike Specht

„Die preußische Diva“, Heike Spechts Biographie der Lilli Palmer, stellt die widersprüchliche Spannung zwischen Bürgerlichkeit und Bohème, traditionellem Frauenbild und Selbstmanagement, Popularität und zeitgeschichtlichem Zeugnis in den Mittelpunkt. Anlässlich ihres 100. Geburtstages so gut wie vergessen (nur der Pay-TV-Sender Sky zeigt einige Filme), ist ihr Buch eine überfällige Würdigung, die hinter die Fassade ihres disziplinierten Selbst zu schauen versucht. Ihre Filme mit Clark Gable, James Mason und Jean Gabin mögen vergessen sein, ihre Rollen als kultiviert abgründige Dame sind Filmgeschichte, die den zweiten Blick allemal lohnt. So ihr Portrait einer Psychopathin, in Rolf Hansens „Teufel in Seide“, die von Romy Schneider glühend angehimmelte preußische Adels-Lehrerin in Géza von Radvanyis „Mädchen in Uniform“, nicht zuletzt eine ihrer letzten Paraderollen, Goethes Vorbild für Werthers Lotte in Egon Günthers glänzender Thomas Mann-Verfilmung „Lotte in Weimar“. Da verstrickt sich die Frau von Welt im höfischen Parlando, begegnet einem unattraktiv gealterten Meister und reist ernüchtert, aber ungebrochen strahlend ab.
Im Aufbau-Verlag kürzlich erschienen ist das Buch „Lilli Palmer – die preußische Diva“ von Heike Specht (352 Seiten, 22,90 Euro). Es wird am 27. Mai präsentiert im Babylon-Kino Berlin-Mitte, dazu läuft der Film „Lotte in Weimar“.

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