Zum Valentinstag : Wir sollten mehr Humanität wagen

Die Politik kennt Humanität als Verwandte der Liebe. Aber in der Gleichsetzung von Humanität mit Schwäche liegt eine Verachtung für das Menschliche. Ein Kommentar zum Valentinstag.

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"Gutmensch" wurde zum "Unwort des Jahres 2015" gewählt.
"Gutmensch" wurde zum "Unwort des Jahres 2015" gewählt.Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Der Hass feiert ein Fest in Deutschland. Die Party tobt im Internet und auf den Straßen. Was macht das mit der Liebe?

Nichts, könnte man meinen. Schließlich ist die Liebe, egal in welcher Spielart, im Privaten verortet. Sie entsteht zwischen Männern und Frauen und Männern und Männern und Frauen und Frauen und Kindern und Eltern. Sie ist ja unverändert da: heiß und innig, leise und zärtlich, fürsorglich, gierig, unerfüllt, jahrzehntetief und frühlingsneu.

Am Samstagvormittag, in der U6, zwei Mütter mit ihrer kleinen Tochter. Die Kleine schaut sich ein Kinderbuch an: „Und sie saßen im Garten und die Sonne schien und sie aßen Pfannkuchen mit Marmelade.“

Die Liebe kann ein sonniger Garten inmitten der Unordnung sein, umgeben, wie in diesem Kinderbuch, von hohen Hecken. Ein Rückzugsort, der keine Angst vor Kitsch kennt, an dem „Friede, Freude, Eierkuchen“ nicht die sarkastische Beschreibung einer Wahrnehmungsverzerrung sind, sondern einfach das: Pfannkuchen mit Marmelade.

Die Politik kennt diese Form der Liebe nicht, aber sie kennt eine Verwandte, die Humanität. Humane Politik orientiert sich jenseits von Zweck und Nutzen und Macht an jenen Bedürfnissen des Menschen, die diesen Zielen zuwiderlaufen können, und dennoch ein Wert sind.

Kein Tabu ist zu heilig, um nicht den harten Macker zu markieren

Die Humanität allerdings ist durchaus angefochten. Der Zeitgeist applaudiert dem Zynismus. Der „Gutmensch“ ist zum Schimpfwort geworden. Angela Merkel wird als Kanzlerin eines „Hippie-Staates“ lächerlich gemacht, eine Bemerkung des britischen Politikwissenschaftlers Anthony Glees. Die neuen Rechten bedienen das Verlangen nach staatlicher Härte. Kein Tabu ist zu heilig, um nicht den harten Macker zu markieren, sich abzugrenzen von der verachteten Politik der Humanität: Wir schießen, wenn es sein muss! Und im Wettlauf um die Stimmung trauen sich auch SPD und CDU nicht mehr, human zu argumentieren.

Die zwischenmenschliche Liebe betrifft das nicht und dann doch. Der allgemeine Zynismus verstärkt das Inselgefühl der Liebe. Und gelegentlich sickert die politische Aggression hinein ins Private. Jemand, der mir nahe steht, sagte mir neulich, er werde jetzt die AfD wählen. Es brach förmlich aus ihm heraus, und er erwartete, ich werde ihn nun weniger lieben. Ich versicherte, das sei nicht so. Ich sagte das sehr schnell und lauschte dem Satz dann nach, und stellte fest, dass es stimmt und war erleichtert.

Die Liebe ist ein naives Gefühl. Sie kalkuliert nicht, sie bedenkt nicht die Folgen, sie kennt keinen Zweck. Die Vernunft kann die Liebe deshalb nur schwer ertragen. Sie will sie am liebsten ironisch brechen. Von innen ist der Kinderbuchgarten ein Idyll und ein Wert an sich. Von außen Kitsch mit Marmelade. Liebe zu zeigen, heißt daher von jeher, mit Lächerlichmachung zu rechnen. Und der Zeitgeist macht sie erst recht zum Fremdkörper.

Der politischen Verwandten der Liebe, der Humanität, geht es ähnlich. Natürlich hat Naivität in der Politik nichts verloren. Aber in der Gleichsetzung von Humanität mit Naivität, Schwäche und Kitsch liegt eine kalte Verachtung für das Menschliche, der man nur trotzen kann, indem man die Lächerlichmachung in Kauf nimmt.

Wir sollten den Kitsch wagen. Mehr Marmeladenpfannkuchen für Deutschland!

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