Welt : "Zungengewahrsam": Das Auge geht in die Zunge

Claudia Kramatschek

Ihr Werk seit dem Debüt "Das Judasschaf" im Jahre 1982 ist eher schmal, aber aufstörend; die Reaktion ihrer Leserschaft gespalten in Begeisterung und Verständnislosigkeit. Nun liegen unter dem Titel "Zungengewahrsam" zwischen 1995 und 1999 entstandene Schriften zu Kunst und Literatur vor, in denen Anne Duden ihrer Poetik nachgeht.

Allem voran, so erfahren wir, geht eine Spaltung: eine geografische Verschiebung, deren Entwurzelung zu einer "Verschiebung des Herzens" wurde. Als Elfjährige floh Anne Duden mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern von Ilsenburg nach Oldenburg, von Ost nach West. Dort, im Deutschland der Nachkriegszeit, wuchs Anne Duden auf - und erstickte fast am Unausgesprochenen, nach "Totenstille" und "Höllenlärm" während des Nationalsozialismus. Deutschland - schon "Das Judasschaf" ließ das unmissverständlich wissen - wurde für Duden nicht nur das erneut zu fliehende Gelände "einer gigantischen Unmenschwerdung", sondern bildet auch ein ungreifbares Erbe, das nur durch eins einzuholen war: durch Schreiben.

Man ahnt den Druck, den es bedeutet, so zur Literatur und zur "Muttersprache" zu kommen. Nicht umsonst nennt Duden Schreiben einen Gewaltakt, da er Ignoranz erfordert gegen die Begehren der Außenwelt. Ein hoher Ton der Selbsterkundung wird hier angeschlagen, und nicht jeder erträgt die Stimmlage, vor allem aus weiblichem Munde.

Der von Duden entworfene literarische Raum bezieht sein Reizpotenzial aus seiner bewussten Künstlichkeit. Wider die "Zeitgenossenschaft", wider "jede Unmittelbarkeit" ist - bei allen geschichts- und gesellschaftskritischen Momenten - gehorcht dieses Universum seinen eigenen Regeln. Ein künstlerischer Hort der Autopoiesis: ein kunstvoll verschlungener "Bau", in dessen Gefüge die gleichnamige Geschichte des von Duden geschätzten Kafka wie ein motivischer Leitfaden verwoben ist.

Wer sich auf ihre Texte einlässt, stößt unweigerlich auf beständig fließende Sinnverzweigungen und thematische Übergänge. Es sind Übergänge zwischen Auge und Ohr: eine Grenzaufhebung auch zwischen den Künsten.

Wie solch eine Kunst der ästhetischen Erregung und Erregbarkeit vorzustellen ist, dies spiegeln in "Zungengewahrsam" jene kleinen Aufsätze, in denen Duden sich den Arbeiten von Künstlern zuwendet, in denen sie Seelenverwandte sieht. Wir erfahren u. a. von Dudens Vorliebe für die gotischen Kathedralen, die ihr nichts weniger sind als "Sanktuarien des Raums", in denen einer für das Unsichtbare geschaffenen Kunst gehuldigt wird; der Maler Arnold Böcklin wird von ihr als seh- und sehnsüchtiges Augentier skizziert, an dessen Werk sie vor allem das "völlig neue, unerschöpflich scheinende Blick- und Bildvorkommen" fasziniert; und die Bedeutung von Cézannes Porträt seiner Frau, "Madame Cézanne", erfasst sie beispielsweise als "Volumen aus Farbgebung", als einen allein der Farbexistenz gewidmeten Raum.

Verfolgt man den Fokus dieser Werkbetrachtungen, wird klar, dass sie weit mehr sind als interpretatorisch feinsinnige (und sprachkünstlerische) Schürfarbeit. Worauf Dudens Blick fällt, ist das, was sie selbst erregt - und somit den Spiegel ihrer eigenen Programmatik bildet. Das macht diese Texte so erhellend, zumal in der hier vorliegenden Zusammenstellung, die neu und sinnvoll verfugt, was bisher nur verstreut vorlag. Deutlich wird nun das eigensinnige Energiezentrum, das im Inneren des Dudenschen Kunst-Raumes herrscht. "Das Geheimnis des Auges geht in die Zunge und reichert sich dort an", heißt es an einer Stelle. Was das heißen kann, dieses vibrierende Wechselspiel zwischen Auge und Zunge, zwischen der Wahrnehmung ganz bei Sinnen und der Rückverwandlung in die eigene Wortkunst, wird am schönsten spürbar in "Vergittert im Gefilde", einer Annäherung an das Werk der Malerin Clea Wallis.

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