Zurück zum Tatort : Polizei führte den Attentäter Breivik nach Utöya

Um den Tathergang zu rekonstruieren, hat die Polizei dem Attentäter Anders Breivik zurück auf die Insel Utöya geführt. Unter dem nachhaltigen Schock des Attentats hat in Norwegen der Kommunal-Wahlkampf mit leisen Tönen begonnen.

Insel des Schreckens. Hier auf Utöya erschoss der Attentäter am 22. Juli 69 Teilnehmer eines Ferienlagers.
Insel des Schreckens. Hier auf Utöya erschoss der Attentäter am 22. Juli 69 Teilnehmer eines Ferienlagers.Foto: dpa

Oslo - Manchen Gewaltverbrecher überkommen bei einer Rückkehr zum Tatort Gewissensbisse. Nicht so beim norwegischen Attentäter Anders Breivik. Drei Wochen nach dem Massenmord auf der Ferieninsel Utöya hat er bei einer Tatortbegehung keinerlei Reue gezeigt. Der Täter habe bei der Rekonstruierung von Details aber gut mit den Ermittlern zusammengearbeitet, sagte Polizeisprecher Pal Hjort Kraby am Sonntag in Oslo. Der 32-jährige Breivik war am Samstag für acht Stunden nach Utöya gebracht worden, wo er am 22. Juli 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Ferienlagers erschossen hatte. Die norwegische Zeitung „VG“ zeigte am Sonntag exklusive Fotos und Videoaufnahmen der Inselbegehung, die aus der Luft sowie von der anderen Uferseite aufgenommen worden waren. Darauf ist Breivik zunächst in einem langärmligen roten Pullover zu sehen, wie er ihn bereits in Polizeigewahrsam getragen hatte. Später führt er seine Begleiter in Jeans und rotem T-Shirt über die Insel. Die Handschellen und Fußfesseln, die er auf der Überfahrt zur Insel trug, wurden ihm abgenommen.

Ziel der Inselbegehung war die kriminalistische Rekonstruktion des Verbrechens. Breiviks Anwalt Geir Lippestad sagte der Zeitung „VG“, sein Mandant habe sich an viele Ereignisse erinnern können. Polizisten filmten die Rekonstruktion und nahmen Breiviks Aussagen auf Tonband auf. Auf den ersten Blick wirken die Aufnahmen so, als inspiziere ein Filmteam mit seinem Hauptdarsteller einen Drehort – wäre da nicht der Großaufdruck „Politi“ (Polizei) auf den schwarzen Westen der ihn umgebenden Männer. Auch Breivik trägt eine Weste und mehrere Gurte am Leib. Die Ausrüstung trage er, um eine Flucht zu verhindern, aber auch, damit er sich selbst keinen Schaden zufügt, erläuterte der Polizeisprecher später. Zusätzlich ist Breivik in einigen Szenen an einer etwa zehn Meter langen Leine befestigt, die ein Polizist im Hintergrund hält. Auf anderen Aufnahmen kann sich der Häftling dagegen relativ frei bewegen. Am Ufer ahmt er mit angelegtem rechten Arm das Zielen mit einem Gewehr Richtung Wasser nach. Danach steckt er seine Hände wieder lässig in die Hosentaschen. Das sei eine der Stellen gewesen, kommentieren norwegische Medien, wo Breivik auf seine Opfer geschossen hatte, die – teilweise schon getroffen – versucht hatten, schwimmend dem Mörder zu entkommen. In der Isolationshaft hatte Breivik bereits angekündigt, den Ablauf seiner Bluttaten im Detail zu erklären. Während der Polizeiaktion war die Insel hermetisch abgeriegelt. Sechs Polizeiboote sperrten die Insel ab, ein Hubschrauber flog über dem Tatort.

Breivik hatte nach eigenen Angaben zehnmal bei der Polizei angerufen, als er auf der Ferieninsel Utöya auf die Teilnehmer eines Jugendlagers schoss. Breiviks Anwalt Geir Lippestad berichtete vergangene Woche der Zeitung „Aftenposten“ von entsprechenden Aussagen seines Mandanten. Breivik hat demnach vor seiner Verhaftung bei der Polizei angerufen, um sich zu ergeben. Er sei aber nur zweimal durchgekommen. Breivik wollte laut Lippestad eine Bestätigung, dass die Polizei seine Kapitulation annehmen würde. Während er auf einen Rückruf wartete, habe er nicht geschossen. Breivik habe „darüber nachgedacht, Selbstmord zu begehen oder mit seiner ,Operation’ weiterzumachen, und entschied sich, bis zum Eintreffen der Polizei fortzufahren“, berichtete Lippestad. Der Attentäter wollte nicht von der Polizei erschossen werden.

Unter dem nachhaltigen Schock des Attentats hat in Norwegen der Kommunal-Wahlkampf mit leisen Tönen begonnen. Am Samstag nahmen die Parteien die politische Kampagne nach eigener Darstellung mit gemischten Gefühlen auf. Termin ist der 12. September. Vor allem die Arbeiterpartei, unter deren Jugend der Attentäter viele Opfer fand, übte sich in Zurückhaltung. (dpa)

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