Welt : Zwangsurlaub in Europa

Überall verursachen Streiks Chaos und Stress im Reiseverkehr

Paul Kreiner[Paris],Wien[Paris],Sabine Heimgärtner[Paris]

Von Paul Kreiner, Wien,

Sabine Heimgärtner, Paris,

und Thomas Migge, Rom

Wien, Westbahnhof: Wo sonst ein Zug nach dem anderen ankommt und dichte Trauben von Pendlern und Touristen ausspuckt – gähnende Leere. An den Fahrkartenschaltern sind die schmutzigbraunen Rollos herabgelassen, in der Wartehalle sitzen schweigend die wenigen Reisewilligen, die vom Streik nichts mitbekommen haben. Zwei amerikanische Touristen suchen per Laptop im Internet eine Verbindung zum Flughafen; ein Ehepaar aus Freiburg kramt in Prospekten und Stadtplan nach einem neuen Hotel, schicksalsergeben, schulterzuckend. Gelassen nehmen es drei auf ihre Rucksäcke gebettete Jugendliche aus dem französischen Metz: „Irgendwo hätten uns die Streiks ohnehin gestoppt, wenn nicht in Wien, dann spätestens in Strassburg."

Chaos auch in Frankreich. Wie in Österreich wird auch hier gegen Rentenreformen gestreikt: Keine Schule, keine Post, keine Zeitungen, kein Geld. Sogar die Wettervoraussage legte die Arbeit nieder. Freuen konnten sich nur ausländische Touristen, die die Autobahn umsonst benutzen durften, weil die Mautstellen an der gut befahrenen sechsspurigen Rennstrecke Richtung Mittelmeer unbesetzt blieben – ein echtes Schnäppchen. 80 Prozent der Flugzeuge mussten am Dienstag am Boden bleiben. Auch tausende Teilnehmer des G-8-Gipfels im Thermalbad Evian brauchten Phantasie und Geduld. Innerhalb weniger Stunden waren alle Leihwagen rund um den Genfer See herum ausgebucht, viele Korrespondenten verlängerten ihren Aufenthalt in Evian um einen Tag.

In Italien melden sich seit drei Tagen tausende von Stewards und Stewardessen krank, um gegen die Alitalia zu demonstrieren, die in ihren Maschinen künftig jeweils einen Mitarbeiter weniger einsetzen will. 285 Flüge musste die Fluggesellschaft streichen. Hunderte von Menschen verbrachten die Nacht an den Flughäfen, um doch noch einen Flug zu finden. Nach wenigen Stunden gingen die Lebensmittel aus, an den Alitalia-Schaltern herrschte Aufrur. Die Alitalia hat wegen der erfundenen Krankmeldungen Klage gegen die Streikenden und gegen jene Ärzte eingereicht, die scheinbar bereitwillig Krankmeldungen ausstellen. Jetzt drohen auch Bahnangestellte und das Hotelpersonal mit einem „heißen Sommer“ in Italien.

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