Welt : Zwei Ozeane später

Kai Müller

Am Ende waren es nur zwei Stunden. Ein hauchdünner Vorsprung. Die Positionslichter des Verfolgers tauchten gerade am nachtschwarzen Horizont auf, als die "Illbruck" in Kapstadt die Ziellinie als Sieger der ersten Etappe des Volvo Ocean Race überquerte. 7300 Meilen und zwei Ozeane lagen hinter der phosphorgrünen Rennyacht des Düsseldorfer Unternehmers Michael Illbruck. Von Southampton zum Kap der Guten Hoffnung hatte sie 31 Tage benötigt. Einen Tag später wären die Lebensmittel an Bord ausgegangen. Die Mannschaft wog im Schnitt fünf Kilo weniger und stopfte sich bei der Ankunft erschöpft Wurstbrötchen in den Rachen.

Wenn am kommenden Sonntag der Startschuss zur zweiten Etappe von Kapstadt nach Sydney fällt, werden die stämmigen Kerle sich ihr Kampfgewicht wieder angegessen haben. Und zum ersten Mal wird ein deutsches Boot bei diesem renommiertesten aller Hochsee-Rennen rund um den Erdball zum engeren Favoritenkreis zählen. Schon vor dem Klassiker galt das Team Illbruck dank seines hohen Budgets von 40 Millionen Mark und einer dreijährigen Vorbereitungszeit als Titelaspirant, doch wusste kaum jemand, ob Familie Illbruck die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen könnte.

Das Boot, ein eigens für diese Regatta im heimischen Illbruck-Werk hergestellte Konstruktion des Star-Designers Bruce Farr, gilt als nicht besonders schnell. Und obwohl der amerikanische Skipper John Kostecki als neunmaliger Jollen-Weltmeister einen exzellenten Ruf besitzt, hängt ihm bei großen Wettbewerben doch der Makel des ewigen Zweiten an. Gegen den Ozean-Veteran Grant Dalton, mit dessen "Amor Sports One" er sich vor Kapstadt ein packendes Duell lieferte, wirkt der schweigsame Kostecki blass. Und das in einem Rennen, dessen Härte immer wieder eigenwillige Charakterköpfe gefordert hat.

Das Volvo Ocean Race (VOR) - Nachfolger des Whitbread Round the World Race - ist ein Segelwettkampf, der seinesgleichen sucht. In neun Monaten und neun Etappen jagen acht Teams auf hochmodernen, dünnwandigen Rennmaschinen rund um den Globus. Eine Art Rallye Paris-Dakar des Segelsports, wie Lars Bolle vom "Yacht"-Magazin meint.

Material und Geld sind hier weniger ausschlaggebend als taktisches Geschick, verwegene Entscheidungen oder die Standhaftigkeit einer zwölfköpfigen Crew. Denn auf den über 32 700 Seemeilen lauern eine Reihe schwieriger Hindernisse - Flauten, Eisberge, Kaps und Stürme. Deren zweifelhaften Charme hat der neuseeländische Renn-Veteran Peter Blake einmal so umschrieben: "Es weht heftig aus schwarzen Schneeböen, die von Achtern heranrücken. Die Yacht ist kurz davor, außer Kontrolle zu geraten. Die Gischt schießt über das Deck, gefriert zu Eis. Das Wirrwarr der Leinen auf dem Cockpit-Boden ist von Schnee bedeckt. Und es ist entsetzlich kalt. Aber es gibt nichts Vergleichbares."

So ist der Segelmarathon, der alle drei Jahre ausgetragen wird, in seiner beinahe 30-jährigen Geschichte nicht arm an Tragödien. Mehrfach wurden Segler über Bord gespült und verschwanden spurlos. 1977 wurde Bill Abram nur deshalb in der aufgewühlten See wiedergefunden, weil ein Albatros über ihm seine Kreise zog. Vier Jahre später wurde die italienische "Viva Napoli" von einem angolanischen Patrouillenboot aufgebracht, das sämtliche südafrikanischen Crew-Mitglieder als Spione verhaftete.

Als die "Flyer" im selben Rennen zum zweiten Mal in Folge der Trophäe entgegensegelte, lief sie kurz vor dem Ziel auf Grund - und saß stundenlang im Schlick des Solent fest.

Während die erste Renngeneration noch dem Ethos des Fahrtensegelns folgte, gleichen die Vorbereitungen der Teilnehmer heute militärischen Feldzügen. Aus Gewichtsgründen wird an Bord auf Wasservorräte verzichtet, die Astronautennahrung rationiert und jeglicher Komfort aus den flachen Rümpfen verbannt. Das "Illbruck"-Team erwarb kurz nach Beendigung des letzten Whitbread-Rennens 1998 die siegreiche "EF Language" und dessen Schwesterschiff, um bis zur Fertigstellung des eigenen Neubaus eine Crew und die optimale "Segelgarderobe" testen zu können. Es wurden Regatten wie das tückische und für seine plötzlichen Stürme berüchtigte Sydney-Hobart-Race sowie das Fastnet-Race absolviert, bei dem sich die neue "Illbruck" nur knapp der "News Corporation" von Medienmogul Rupert Murdoch geschlagen geben musste.

Wie eng das Leistungsspektrum der 60 Fuß langen Einheitsklasse geworden ist, zeigte auch die erste VOR-Etappe. Nach dem Start im Solent zwischen der Isle of Wight und Southampton schlich das Feld dicht an dicht durch Kalmengürtel und Passatwinde. Schon bald übernahm die "Illbruck" eine knappe Führung, verlor diese kurzzeitig, als die schwedische "SEB" im Schutz der afrikanischen Westküste an den Konkurrenten vorüber zog, konnte aber auch den wieder gewonnenen Vorsprung nie auf mehr als 40 Meilen ausbauen.

Schließlich wurde sie von Grant Daltons "Amor Sports One" überholt. Dalton ("Mister Whitbread"), der zum sechsten Mal die Welt auf einem Segelboot umrundet und zuletzt auf dem Katamaran "Club Med" einen Fabelrekord aufgestellt hatte, wählte nach der Isle of Trinidade einen ungewöhnlich südlichen Kurs - und düpierte die gesamte Konkurrenz. Nur der "Illbruck" gelang es, Anschluss zu halten. Als Dalton 300 Meilen vor dem Ziel zwei wichtige Vorsegel zerrissen, ergriff sie die Gelegenheit und attackierte den Gehandicapten.

"Ich bin nicht der beste Segler an Bord", sagt Dalton über seine Rolle, "aber der beste Manager." Auch der 37-jährige in Pittsburg geborene Kostecki glaubt, dass er ein guter Stockbroker hätte werden können: "Das Börsengeschäft ist so komplex wie Segeln, erfordert schnelle Entscheidungen und die richtige Interpretation von Daten."

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