Welt : Zwei Tonnen Technik machen einen Salto rückwärts

ANDREAS CONRAD

Vor 90 Jahren starteten fünf Teams zur Rallye Peking-Paris / Sie wird jetzt in umgekehrter Richtung wiederholt/ Am 21.Mai durch BerlinVON ANDREAS CONRADAusgerechnet mitten in Sibirien.Der "Itala"-Wagen des Fürsten Borghese hatte sich halb über die alte Holzbrücke geschoben, als es plötzlich splitterte, krachte.Der Wagen sackte hinten weg, versank im Wasser, drehte sich weiter um die eigene Achse - zwei Tonnen Technik machten langsam einen Salto rückwärts. Es war der schwerste Unfall, den Fürst Scipione Borghese, sein Fahrer Ettore Guizzardi und der Journalist Luigi Barzini, letzterer entsandt vom "Corriere della Sera", auf ihrer Fahrt von Peking nach Paris zu überstehen hatten. Zwischen 10.Juni und 10.August 1907 wurden sie von chinesischen Kulis über enge Bergpässe geschleppt, versanken im Schlamm russischer Sümpfe.Auf felsiger Piste ging ein Rad zu Bruch. Der Wahnsinn hatte Methode: Inititiert vom Pariser "Matin", wollten fünf Automobilistenteams auf einer Wettfahrt erkunden, wozu ihre noch junge Technik bereits fähig war.Der Fürst und seine Crew vertraten Italien, dazu kamen drei französische Wagen, darunter ein dreirädriger, sowie ein holländischer Spijker-Wagen.Gerade der letztere, obwohl mit 15 PS nur bescheiden motorisiert, scheint unverwüstlich: Fast genau 90 Jahre nach der bislang einmaligen Rallye startet das Auto erneut zu der Strecke, diesmal in umgekehrter Richtung und begleitet von rund 30 Teams aus ganz Europa.Veranstalter ist diesmal der Internationale Automobilclub CAAR, dessen Mitgliedern besonders Oldtimer am Herzen liegen.Das älteste Fahrzeug, das am heutigen Donnerstag amPariser Eiffelturm lostuckert, ist der Spijker, ein Horch B 35 von 1934 ist dabei, ein Daimler-Benz 220 von 1951 oder auch ein Käfer-Cabrio von 1963.Berlin ist mit drei Wagen vertreten: Dieter Röhll und Rudolf Artelmann auf einem MG C von 1932 sowie einem MAN-Laster von 1965, Bernard Seiffert auf einem Glas Goggo-Coupé von 1966. Die Strecke entspricht weitgehend der historischen, führt über die Niederlande, Deutschland, Polen und Weißrußland nach Rußland hinein.St.Petersburg lassen die Automobilisten diesmal links liegen, rollen aber wieder wie Anfang des Jahrhunderts durch Moskau, Jekaterinburg, Omsk und übers Altai-Gebirge in die Mongolei.Bereits am 21.Mai erreichen die Teilnehmer vormittags Berlin und fahren dann in einem Korso über die Straße des 17.Juni zum Brandenburger Tor und weiter zum Alexanderplatz.Werkstattwagen begleiten den Troß, die Tour wird von örtlichen Autoclubs unterstützt, in Berliner Raum vom dortigen MG-Club sowie einem Renault-Händler in Teltow. "Wer ist bereit, in diesem Sommer von Peking nach Paris im Automobil zu fahren?", hatte der "Matin" im März 1907 geschrieben und damit in Automobilistenkreisen hektische Betriebsamkeit ausgelöst.Die Redaktionsräume wurden Schauplatz erregter Diskussionen Interessierter, die meisten schreckten aber angesichts der absehbaren Schwierigkeiten - in vielen der kaum erschlossenen Landstriche würden sie die ersten Autofahrer überhaupt sein - wieder zurück."Ein vielleicht unausführbarer Versuch" - darin war man sich einig.Das Startgeld von 2000 Francs an den französischen Automobilclub lichtete die Reihen weiter, zurück blieben fünf Teams. Die Schwierigkeiten der Reise schilderte der Journalist Barzini später in einem bei Brockhaus/ Leipzig herausgekommenen Buch.Der Fürst, offensichtlich ein Mann von einigem Vermögen und Einfluß, hatte die Firma Nobel, damals Eigentümer fast aller sibirischen Ölquellen, beauftragt, von Kiachta bis Moskau alle 250 Kilometer Depots mit Benzin und Öl anzulegen.Auch gab es Lager für Reifen sowie eine Ersatzteilstation in Omsk. Den Transport der Kraftstoffe durch die Mongolei erledigte die Russisch-Chinesische Bank, nicht nur aus Motiven einer Technikeuphorie.Vielmehr hatte die Bank "ein unmittelbares Interesse an jeder Verbesserung der Verkehrsmittel und des Warenaustausches im fernen Osten", wie Barzini in seinem Buch schrieb. Trotz des Saltos und ähnlicher Vorfälle kamen der Fürst und seine Crew am 10.August 1907 glücklich in Paris an.Ein nur eingeschränkter Erfolg, wie sich der Fürst eingestand: Zwar hatte man 16 000 Kilometer bewältigt, davon dreiviertel der Strecke ohne feste Piste, und auf nur 200 Kilometern hatte man auf andere Transportmittel, etwa Fähren, zurückgreifen müssen.Damit hatte sich aber auch erwiesen, "daß man heute noch nicht in einem Zuge und ohne von der Maschine zu steigen von Peking nach Paris fahren kann".

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