Welt : Zweifelhafte Sensationen

Ganz Belgien fiebert dem Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder Dutroux entgegen

Klaus Bachmann[Brüssel]

Wenn am 1. März des kommenden Jahres im südbelgischen Arlon nach acht Jahren Ermittlungen endlich der Prozess gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger, Kindesentführer und Mörder Marc Dutroux beginnt, wird die Stadt unter dem Medienandrang fast ersticken. Mit über tausend Journalisten wird gerechnet, doch der Pressesaal im Gericht fasst gerade 15 Personen, eine Live-Übertragung in einen anderen Saal ist vorgesehen, doch darin haben auch nur 100 Personen Platz. Hinzu kommt, dass Arlon seit Monaten für die angesetzte Prozessdauer bereits ausgebucht ist. Große Sender wie CNN haben sogar Wohnungen gekauft und gemietet, um die Übertragung zu organisieren.

Die Anwälte der Angehörigen und Hinterbliebenen von Dutroux’ Opfern, die als Nebenkläger im Prozess auftreten, haben sich mittlerweile mit einem Hilferuf an Justizministerin Laurette Onkelinx gewandt, in dem sie um kostenlose Unterbringung bitten. Sie erhalten nur Prozesskostenhilfe für die Zeit der Verhandlung, die nicht ausreicht, um täglich zwischen Brüssel und Arlon zu pendeln. „Auch einige Klassenzimmer in einer leerstehenden Schule würden uns helfen“, so Anwalt Jan Fermon.

Für Belgiens Medien scheint der Prozess schon lange begonnen zu haben. Seit Monaten überbieten sich die Illustrierten und Zeitungen mit teils zweifelhaften Sensationen zum Fall von Marc Dutroux, dem vorgeworfen wird, Anfang der neunziger Jahre insgesamt sechs Mädchen entführt und eingesperrt zu haben. Darüber hinaus soll er zwei der Mädchen und seinen damaligen Komplizen Bernard Weinstein ermordet haben. Mit Dutroux zusammen sind noch seine inzwischen geschiedene Ehefrau Michelle Martin, sein Komplize Michel Lelievre und der mutmaßliche Drogenhändler und Fälscher Michel Nihoul angeklagt. Nahezu alle Beteiligten haben sich inzwischen entweder in ausführlichen Interviews oder sogar in eigenen Büchern geäußert. Selbst der Vater von Marc Dutroux hat inzwischen eine Serie von Interviews in Illustrierten gegeben und ein eigenes Buch auf den Markt gebracht.

Dank der Zeitung „Le Soir“ weiß man seit Dienstag auch, dass Marc Dutroux zwischen 1996 und 1998 eine Brieffreundschaft mit einer 15jährigen Flämin aus Brüssel unterhielt – die von der Gefängnisleitung nicht unterbunden wurde. In seiner jüngsten Ausgabe zitiert das Blatt ausführlich aus den Briefen. Die beiden hätten sogar Haarbüschel per Brief ausgetauscht. In Erwartung des Medienechos im Frühjahr haben sich selbst die Erziehungsminister der beiden großen belgischen Sprachgemeinschaften und Experten Gedanken gemacht, wie man Schüler auf die Gräuelgeschichten vorbereiten kann. Minister Jean-Marc Nollet, zuständig für das frankophone Schulwesen Belgiens, hat deshalb spezielle Unterrichtseinheiten vorgeschlagen, in denen Schüler und Lehrer den Prozess aufarbeiten sollten. Die Schule dürfe die Kinder mit dem Drama von damals und den grausigen Einzelheiten nicht allein lassen.

Experten haben ihre Zweifel: „Wir müssen alles tun, um die Panik von damals nicht wieder aufkommen zu lassen“, findet etwa Isabelle Marneffe, Sprecherin von Childfocus, Belgiens größter Nichtregierungsorganisation, die sich mit dem Aufspüren verschwundener Kinder beschäftigt und im Nachgang der Dutroux-Affäre gegründet wurde. Sie würde es vorziehen, die Lehrer auf das Thema vorzubereiten, aber in der Schule nur darauf zurückzukommen, wenn klar werde, dass von Seiten der Kinder Gesprächsbedarf bestehe.

In Flandern wird es deshalb auch keine speziellen Unterrichtseinheiten in Sachen Dutroux geben. Anke Vandekerckhove, die flämische Kinderombudsfrau: „Wir dürfen keine schlafenden Hunde wecken. Die Kinder, die heute die Schulbank drücken, sind ja nicht die gleichen wie damals. Die haben die Ereignisse von 1996 vermutlich gar nicht richtig mitbekommen.“

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