Welt : Zwischen Adrenalinstoß und Angst

IRMGARD LOCHER

ZÜRICH . Wem Montainbiking, Wildwasser-Rafting oder Bergsteigen zu harmlos ist, der findet in Canyoning eine Herausforderung, die den Adrenalinstoß garantiert: Extremsport in den eiskalten Wildbächen der Alpen, die durch schmale Schluchten - Canyons - führen. Ein Schweizer Veranstalter, der diese Abenteuertouren organisiert, beschreibt: "Zum ultimativen Erlebnis gehören ausgeschliffene Naturrutschbahnen, das Abseilen aus einer Höhe von bis zu 50 Metern sowie wilde Sprünge in schäumende Pools und in glasklares Gletscherwasser."Das hört sich verlockend an und animiert zum Mitmachen. "Ein neuer Trend", sagt Professor Hans Rudi Müller, Tourismusforscher an der Universität Bern. "Unser Alltag ist arm an Risiko und Bewegung und weit von der Natur entfernt." Zudem werde Canyoning zur Zeit in den Medien hochgezogen. "Extremsportarten sind interessant, anders als Joggen oder Orientierungslauf", erklärt Müller. Und der "Adrenalinstoß" stellt einen Wert dar, ist Ziel der Freizeitbeschäftigung geworden."30 000 Freizeitsportler nehmen jährlich in der Gesamtschweiz an Canyoning-Touren teil", sagt Susanne Rieder, Sprecherin von Schweiz-Tourismus. Die Organisation nimmt das Marketing der Branche wahr. Im Berner Oberland seien es 10 000 und in der Saxtenschlucht 5000, die jährlich in einer der engen Schluchten den Abstieg wagen. "Das Interesse ist groß, aber nicht viele wagen das Erlebnis", sagt Rieder. Im Bezug auf alle Freizeitangebote mache die Nachfrage weniger als zwei Prozent aus.Vor 15 Jahren "erfanden" die Franzosen das Canyoning, das besonders bei unternehmungslustigen jungen Leuten beliebt ist. Außer in Südfrankreich werden heute in Europa Canyoning-Touren in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Spanien und Kroatien angeboten - also praktisch überall, wo Wildbäche sich durch enge Schluchten schlängeln. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen Einzel-, sondern um einen Gruppensport. Acht bis zehn Personen steigen zusammen mit zwei Führern in eine Schlucht ein, nachdem sie zuvor gründlich instruiert worden sind. Eine gute Ausrüstung ist unerläßlich; sie besteht aus einem wasserdichten Neoprenanzug, Helm, Klettergurt und Schwimmweste.Sehr vereinfacht könnte man von einer Wanderung durchs Wasser in Fließrichtung des Bachs sprechen - alles andere als ein gemütlicher Spaziergang. Der Sportler muß rutschen, schwimmen, von einem Felsvorsprung zum anderen springen und sich bei Wasserfällen anseilen. Das klingt noch nicht gefährlich, birgt aber viele Gefahren und stellt hohe Anforderungen an das Können und die Ausdauer der Sportler.Die Tourismusindustrie in der Schweiz setzt auf die Abenteuersportart. "Das ist gut für das Image", sagt Müller. Um Urlauber in die Alpenregion zu locken, müßten Erlebnisangebote geschaffen werden. Obwohl es bis zu der Katastrophe vom Dienstag noch nie zu einem schweren Canyoning-Unglück gekommen ist, sind Arm- und Beinbrüche, Schürfungen, angeschlagene Köpfe und Gehirnerschütterungen an der Tagesordnung. Aber dieses sogenannte Restrisiko nehmen jene gern in Kauf, denen es in erster Linie auf das Ungewöhnliche, den Nervenkitzel bis hin zum Adrenalin-Kick ankommt. Gerade das bewußte Spiel mit der Gefahr ist es, was diesen Sport für sie so interessant macht. Dazu gehört auch die Gewißheit, daß sie zwischen den 20 bis 50 Meter hohen Felswänden eingeschlossen sind und bei unvorhergesehener Gefahr nicht einfach den Fels hinaufklettern und sich in Sicherheit bringen können. Also sausen sie bei den Rutschpartien mit steigender Geschwindigkeit durchs Wasser, die Füße voran und die Arme an den Körper gelegt.Die Firma Adventure World - eine der zwei Anbieterinnen für Canyoning - wurde vor sechs Jahren gegründet und gilt als seriöses Unternehmen. Auch ihre Führer sind gut geschult, haben Erfahrung und achten speziell auf plötzliche Wetterveränderungen. Trotzdem sind zwei von ihnen unter den bisher gefundenen 18 Toten in der Todesfalle des Saxetbachs. Jetzt ist das Unglück zum Versicherungsfall geworden. Wer trägt die Verantwortung und kann dafür haftpflichtrechtlich zur Verantwortung gezogen werden? Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch folgender Grundsatz: Je gefährlicher eine Veranstaltung ist, desto mehr neigt sie zu Schädigungen und um so seltener ist folglich höhere Gewalt anzunehmen. Daß unter diesen Umständen beim schweren Canyoning-Unglück der Entlastungsgrund der höheren Gewalt zum Zuge kommen könnte, ist wohl auszuschließen.

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