Welt : Zwischen Himmel und Hölle

Olympia, Tibet, Naturkatastrophen – die Führung in Peking sieht sich überall herausgefordert

Eigentlich sollte 2008 für China ein Jahr der Feiern werden. Als Ausrichter der Olympischen Spiele wollten die KP-Führer die Volksrepublik der Welt als aufsteigende Großmacht präsentieren. Ein Land mit Weltstädten wie Schanghai und Peking, mit einer boomenden Wirtschaft, an der Schwelle zu einer modernen Industrienation. Stattdessen wurde China von einer Reihe von tragischen Katastrophen und Unglücken heimgesucht. Dabei zeigt die Reaktion der Regierung, was sich in China durch Reform und Öffnung verändert hat – und wo die Grenzen liegen.

Bereits wenige Stunden nach dem Beben war Ministerpräsident Wen Jiabao im Flugzeug in das Katastrophengebiet unterwegs, um die Rettungsaktion zu koordinieren und den Überlebenden Trost zu spenden. Fernsehbilder zeigten den Regierungschef, wie er über die Trümmer zerstörter Häuser kletterte. Die Hilfe der Regierung ist rasch und effizient: Tausende Soldaten und Spezialeinheiten der Polizei sind in dem Katastrophengebiet im Einsatz. Mit Muskelkraft und schwerem Gerät schieben sie verschüttete Zufahrtsstraßen frei, bauen Zeltlager und versorgen die Bevölkerung mit den Notrationen an Wasser und Lebensmitteln. Wohl kaum eine Armee der Welt ist so gut in der Katastrophenhilfe geschult wie die Volksbefreiungsarmee – weil es in China so häufig Unglücke gibt. Jedes Jahr sterben Tausende Chinesen bei Hochwassern, Bergbauunglücken, Chemieunfällen und anderen Katastrophen.

Für ausländische Beobachter, die Chinas Armee vor allem mit Ereignissen wie dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 oder der Unterdrückung der Proteste in Tibet verbinden, mag dies ein ungewohntes Bild sein. Für Chinesen jedoch ist die Armee tatsächlich ein Retter in der Not. Doch dieses Jahr stößt selbst die krisenerprobte chinesische Armee an ihre Grenzen. Die Unglückserie begann im Februar, als die schlimmsten Schneestürme seit Jahrzehnten wüteten. Im März brachen in Tibet die schwersten Unruhen aus, die Peking mit Militärgewalt niederschlug. Im Mai wurde der Ausbruch der Hand-Fuß- Mundkrankheit bekannt – ein Darmvirus, das bislang 30 000 Kinder infiziert hat und durch das 39 Kleinkinder ums Leben kamen.

Dabei zeigt sich jetzt bei dem Erdbeben, wie unterschiedlich Peking auf eine Krise reagieren kann: Während Chinas Medien derzeit rund um die Uhr aus dem Unglückgebiet in Sichuan berichten und auch ausländische Korrespondenten dort ungehindert Zugang haben, versucht die Regierung die Ereignisse in Tibet bis heute zu vertuschen. Lhasa und das tibetische Hochland sind Sperrgebiet, zu dem Journalisten keinen Zugang haben. Chinas Medien dürfen nur die staatlichen Propagandameldungen verlesen. Statt Schaufeln tragen die Soldaten in Tibet Gewehre.

Im Unglücksgebiet demonstriert China vor aller Welt Offenheit – ganz im Gegensatz auch zum Nachbarland Birma. maa

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