Welt : Zwischen Hoffen und Wachen

Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma wie dem von Michael Schumacher hört das Bangen monatelang nicht auf.

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Gruß aus Jerez. In Spanien finden derzeit die Testfahrten der Formel-1-Piloten mit ihren neuen Autos statt. Das Ferrari-Team hofft mit Michael Schumacher. Foto: Roman Rios/dpa
Gruß aus Jerez. In Spanien finden derzeit die Testfahrten der Formel-1-Piloten mit ihren neuen Autos statt. Das Ferrari-Team hofft...Foto: dpa

Berlin - „Wir sind tief bewegt darüber, dass die Genesungswünsche für Michael aus der ganzen Welt noch immer nicht abreißen.“ So lautet die Dankbotschaft von Michael Schumachers Familie auf seiner offiziellen Internetseite. „Noch immer“: Am Mittwoch war es einen Monat her, dass der Formel-1-Fahrer beim Skifahren verunglückte und mit schweren Verletzungen in eine Klinik kam. Sicher ist, dass er Prellungen und mehrere Blutungen im Gehirn erlitt und für mindestens zwei Wochen mit Medikamenten in einen Tiefschlaf, ein „künstliches Koma“, versetzt wurde. Zuletzt war vor mehr als zehn Tagen zu hören, sein Zustand sei „stabil“.

„Wir wissen aus großen Studien, dass sich knapp 20 Prozent der Patienten mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma sehr gut erholen, doch für den Einzelfall sind solche Statistiken natürlich wenig aussagekräftig“, sagt Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der Berliner Charité. Für die individuellen Genesungschancen ist nicht zuletzt maßgeblich, welche Strukturen des Gehirns verletzt wurden – ob nun bei einem Sportler durch einen Unfall oder bei einem älteren Menschen durch einen Schlaganfall. „Darüber geben heute Untersuchungen mit dem Magnetresonanztomografen (MRT) Auskunft“, sagt er. Zentral wichtig sei auch, ob und wie wichtige Nervenbahnen reagieren, wenn sie bei elektrophysiologischen Untersuchungen stimuliert werden. Zeigen sich hier keine Reaktionen, so sei das ein schlechtes Zeichen.

Doch es gibt noch nach Monaten Überraschungen, wie Mediziner berichten. „Wir erleben immer wieder Patienten, die wir in komatösem Zustand in eine Reha verlegen, und die uns später wach besuchen kommen“, betont auch Neurochirurg Vajkoczy.

In ein künstliches Koma mit Medikamenten, die auch für Narkosen zum Einsatz kommen, müssen Menschen mit einer schweren Verletzung des Gehirns dann versetzt werden, wenn sie Blutungen, Schwellungen und krampfartige Verengungen von Blutgefäßen haben. Im Einzelfall ist diese Behandlung auf der Intensivstation wochen- oder sogar monatelang nötig. Umgekehrt kann es nach dem Absetzen der Mittel auch Tage bis Wochen dauern, bis der Patient erwacht. „Zwei bis drei Wochen danach würde man aber gern eine Aufwach-Reaktion erkennen, sonst ist die Prognose deutlich ungünstiger“, sagt Vajkoczy.

30 bis 40 Prozent der Opfer eines schweren Schädel-Hirn-Traumas überleben nicht. Die moderne Intensivmedizin macht es aber möglich, dass viele Menschen am Leben bleiben, die früher Schädigungen ihres Gehirns durch einen Unfall oder einen Schlaganfall nicht überlebt hätten. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, sind oft neurologische Beeinträchtigungen. Der Ausfall wichtiger Gehirnfunktionen schränkt vor allem Sprache und Bewegungsfähigkeit ein. Unter den dauerhaften Problemen ist das schlimmste das Apallische Syndrom, oft irreführend als „Wachkoma“ bezeichnet.

Andererseits lassen sich viele Unfallfolgen durch geduldiges Training selbst in großem zeitlichem Abstand noch minimieren. Oft geht es nur in kleinen Schritten, quälend langsam. Das Beispiel anderer Prominenter macht aber Mut: So das von Fernsehmoderatorin Monica Lierhaus, die wegen eines Aneurysmas, einer geplatzten Ausbuchtung eines Hirngefäßes, operiert wurde, vier Monate im künstlichen Koma bleiben musste, weil es Komplikationen gab – und danach hartnäckig trainierte. Und natürlich das des ebenfalls sehr sportlichen ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus, der 2009 einen schweren Skiunfall mit Schädel-Hirn-Verletzungen und Hirnblutungen erlitt, zehn Tage im künstlichen Koma lag und 110 Tage danach seine Amtsgeschäfte wieder aufnahm.

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel sagte am Dienstag: „Man betet, man wünscht, man hofft, dass das Wunder passiert und dass der Gleiche aufwacht, so wie er vorher war.“

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