Welt : Zwischen Ruder und Rendite

Der Schweizer Ernesto Bertarelli ist einer der reichsten Männer Europas. Nun will er den America’s Cup gewinnen

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Wann schnappt Ernesto Bertarelli über? Mit seinen Milliarden ist er einer der reichsten Männer Europas. Mit seinem blendenden Aussehen lässt er die Herzen der Damenwelt schneller schlagen. Und mit seinem sportlichen Erfolg schickt er sich an, zum Nationalhelden seines Landes zu avancieren.

Erstmals in der Geschichte des legendären America’s Cup greift ein Schiff aus einem Binnenland nach der Trophäe: Bertarellis Yacht Alinghi. Der Chef des Genfer Biotechnologiekonzerns Serono butterte rund 50 Millionen Euro in das Abenteuer. Als Navigator dirigiert er persönlich die Alinghi auf Erfolgskurs.

Ein modernes Märchen? „Man träumt jede Nacht, auch am Tag. So frage ich mich auch manchmal, wie ich dahin gekommen bin", sinniert der 37-jährige Tausendsassa mit sanfter Stimme, um gleich seine Existenz in einem fast schon übernatürlichen Glanz erstrahlen zu lassen. „Doch denke ich, dass jeder sein eigenes Schicksal hat, dessen Komponenten man nicht beeinflussen kann.“ Ist Ernesto Bertarelli bereits übergeschnappt? Nein. Denn selbst in seinem Leben läuft nicht alles nach Plan. Seit diesem Jahr etwa darf sich der Erbe nicht mehr als der reichste Mann der Schweiz fühlen. Der Börsencrash vernichtete glatt die Hälfte seines Vermögens. Schätzten Insider den Wert Bertarellis noch vor Jahresfrist auf 13 bis 14 Milliarden Franken, sollen es jetzt nur noch sieben bis acht Milliarden Franken sein.

Mit der Präzision einer Rolex

Kümmert es ihn? „Das Leben ist zu kurz, um sich mit Enttäuschungen aufzuhalten“, weiß der Sportsmann auch solche Schlappen zu verkraften. „Es ist das Beste, die Seite umzuschlagen und nach vorne zu gucken.“ Fest im Visier Bertarellis ist der America’s Cup. Seit Jahren laufen die Vorbereitungen mit der Präzision einer Rolex. Der Genfer heuert die beste Crew der Welt an, er sticht andere segelbesessene Milliardäre wie Oracle-Boss Larry Ellison in den Qualifikationen aus, er verwirklicht seinen Traum: Als kleiner Junge klebte Ernesto sein Zimmer mit Postern seiner geliebten Skipper voll. Einmal selbst den Cup gewinnen war und ist nun das Ziel.

Damals lebte er noch in Rom. Ernesto kam 1965 als Spross eines Industriellen Clans zur Welt, in den siebziger Jahren zog Vater Fabio mit Geschäft und Familie an den Genfer See. Dort verfiel der Filius endgültig dem Segelsport.

Erste Erfahrungen sammelte er auf dem Genfer See. Doch schon bald wurde das Binnengewässer zu eng. Das Meer sollte es sein. „Beim ersten Törn auf hoher See machte ich mir fast in die Hose“, erinnert sich Bertarelli mit einem Grinsen. „Aber ich wurde süchtig. Sofort.“ Von nun an pendelt er zwischen Segelschiff und Schreibtisch, zwischen Ruder und Rendite, zwischen Vergnügen und Verantwortung. Denn er soll auch einmal den Betrieb übernehmen.

Er besuchte ein College in Boston, erwarb den MBA in Harvard. Mit zwanzig Jahren steigt er ins Geschäft ein. Der zwangsläufige Weg an die Spitze wird durch den Krebstod Fabio Bertarellis überschattet – und beschleunigt. „Mein Vater hat mich schon früh in die Geheimnisse des Unternehmens und in die faszinierende Welt der Biotechnologie eingeweiht", sagt der Junior über den Senior. Seine eigene Familie gründete der galante Frauenschwarm mit dem Model Kirsty, die kleine Tochter ist der Stolz des beneideten Paars. „Ein Kind zu haben, ist so ein riesiges Glück, dass ich jetzt die Verzweiflung der Leute begreife, die keine Kinder bekommen können", lässt Papa Ernesto sich vernehmen. „Ich verstehe jetzt, wie wichtig die Medikamente gegen Unfruchtbarkeit sind, die von Serono entwickelt werden.“ Wer will da widersprechen? Ohnehin scheint Bertarelli fast alles richtig zu machen. In der Liebe. Im Beruf. Im Sport. Selbst die unvermeidliche Frage, wie denn sein Weltunternehmen über die Runden kommt, während er im Pazifik einem Pokal nachjagt, beantwortet er souverän. „Meine Priorität ist meine Firma Serono." Sein Führungsstil sei einfach: Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen. „Meine Leute arbeiten seit über zehn Jahren mit mir, sie wissen genau was zu tun ist, auch wenn ich nicht da bin.“ Vor dem großen Finale des America’s Cup schaut Bertarelli jedoch bei Serono nach dem Rechten. Und er präsentierte sich in seiner Heimatstadt Genf dem Publikum.

Neben ihm verblasst jeder

An Bertarellis Seite schrumpfte der sonst so dominante Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin zu einer Art Leichtmatrose. „Es ist eine Ehre für die Schweiz, dass Sie so erfolgreich sind.“ Dergleichen Huldigungen fliegen Bertarelli dieser Tage nur so zu. Selbst die Granden des Schweizer Establishments, sonst eher unterkühlt, geraten ins Schwärmen. „Phänomenal“, lobt der Baulöwe Bruno Marazzi. „Bertarellis Erfolg basiert nicht zuletzt darauf, dass er aus guten einzelnen Leuten ein Team zusammenschweißen konnte.“ An diesem Wochenende schauen die Eidgenossen dann gebannt nach Neuseeland.

Falls Ernesto Bertarelli und seine Truppe von dort tatsächlich als erstes Team aus einem Binnenland den America’s Cup nach Hause bringen sollten, muss noch ein Problem gelöst werden. Denn in den nationalen Gewässern des Siegers kämpfen die Teams jeweils um den nächsten Cup. Der Genfer See ist zwar für den America’s Cup groß genug. Nur: Über den beschaulichen Lac weht so gut wie nie eine hochseetaugliche Brise – die braucht es aber für den Cup.

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