Der Tagesspiegel : Wenig Interesse für die Schicksalswahl

Gestern sollten die Cottbuser einen neuen Bürgermeister wählen. Doch die Beteiligung blieb gering

Sandra Dassler

Cottbus - Es gab Kommentatoren, die bezeichneten den gestrigen Sonntag als Schicksalstag für Cottbus. Doch das Interesse an der Oberbürgermeisterwahl schien anderswo größer zu sein als in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs selbst. Bis 16 Uhr hatten gerade mal rund 29 Prozent der rund 88 000 wahlberechtigten Cottbuser den Weg in die 69 Wahllokale angetreten.

Am Wetter kann es nicht gelegen haben. Das verführte mit blauem Himmel und 20 Grad regelrecht zum Sonntagsspaziergang. Viele Cottbuser verbanden ihn denn auch mit dem Gang zum Wahlcomputer, der ihnen das Wählen nicht zum ersten Mal einfach macht: Ein Knopfdruck für den Kandidaten – das war’s.

Marion Vater, die im Wahllokal 04402, einem Klassenraum der Grundschule im Cottbuser Stadtteil Sielow, ihre Stimme abgab, musste nicht lange überlegen: „Ich habe den Kandidaten der SPD, Verkehrsminister Frank Szymanski gewählt“, bekannte die 36-Jährige freimütig: „Ich kenne und schätze ihn schon lange, denn er war mein Lehrer. Und er hat schon zu DDR-Zeiten kein Blatt vor den Mund genommen, seine geradlinige Art würde der Stadt guttun.“

Ein etwa 50-jähriger Mann, der seinen Namen nicht nennen will, widerspricht: „Szymanski hat zu lange gezögert, ehe er sich entschieden hat, hier in seiner alten Heimat anzutreten“, sagt er. Viele Cottbuser hätten nun den Eindruck, dass es bei seiner Aufstellung nur um parteitaktische Erwägungen in Potsdam ging.

Der Mann hat Holger Kelch gewählt. Der 39-Jährige führt seit der Abwahl der parteilosen Oberbürgermeisterin Karin Rätzel im Juli die Geschäfte im Rathaus. Kelch wird nicht nur von seiner eigenen Partei, der CDU, unterstützt, sondern von weiteren vier Fraktionen der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung – auch von der Linkspartei/PDS. Diese ungewöhnliche Allianz hatte deutschlandweit Verwunderung hervorgerufen.

Cottbus ist hoch verschuldet. Ein überdimensioniertes Heizwerk trieb die Stadtwerke fast in die Insolvenz – ein Thema, das sogar den Bundesrechnungshof beschäftigte. Der Haushalt für dieses Jahr ist nicht bestätigt, die Abwanderung junger Menschen konnte nicht gestoppt werden. Dabei hat die Stadt durchaus Entwicklungspotenzial. Dieses besser zu nutzen, haben beide Kandidaten, die sich in ihren Zielen kaum voneinander unterschieden, versprochen. Sie wollen unter anderem die Brandenburgisch-Technische Universität besser mit der Wirtschaft verzahnen und den Mittelstand stärken.

Dazu müssen vor allem die jahrelangen Querelen im Rathaus und in der Stadtverordnetenversammlung beendet werden. Die führten dazu, dass innerstädtische Vorhaben verzögert oder verhindert wurden, Investoren absprangen und die Entwicklung der Stadt seit Mitte der 90er Jahre stagniert. Der künftige Oberbürgermeister – der Ausgang der Wahl stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest – wird also ungeachtet der Fronten, die der Wahlkampf aufgerissen hat, zuerst die zerstrittenen Stadtverordneten einen müssen.

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