Der Tagesspiegel : Wenig Wasser, wenig Fracht – Havelausbau vor dem Ende

Nachdem das Verfahren gestoppt worden ist, zweifelt auch die Planungsbehörde an einer Wiederaufnahme

Sandra Dassler

Marquardt. „Über eine Milliarde Euro sind noch nicht verbaut worden und könnten gespart werden.“ Für Winfried Lücking vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist der vorläufige Stopp des Havelausbaus der „Einstieg in den Ausstieg“ aus dem seit Jahren heftig umstrittenen „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 17“.

Das Anfang der 90er Jahre beschlossene Vorhaben soll großen Rheinschiffen und bis zu 185 Meter langen Großschubverbänden die Fahrt zwischen Berlin und Hannover ermöglichen. Dazu ist unter anderem der Ausbau der Havel zwischen dem Elbe-Seitenkanal und dem Berliner Westhafen vorgesehen. Anlieger und Umweltschützer protestieren dagegen seit Jahren. Sie meinen, dass der geschätzte Bedarf, der seinerzeit dem Ausbau der Wasserstraßen für etwa 2,3 Milliarden Euro zugrunde gelegt wurde, viel zu hoch war. Ein für das Bundesverkehrsministerium arbeitendes Institut hatte 1992 prognostiziert, dass jährlich 15,1 Millionen Tonnen Güter per Schiff und Lastkahn vom Rhein an die Spree bewegt werden würden. Inzwischen geht das gleiche Institut nur noch von 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Das entspricht in etwa den gegenwärtigen jährlichen Transportmengen. Die sind nach Ansicht von Umweltschützern auch mit kleineren Schiffen zu bewältigen.

Wie berichtet, hat die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost in Magdeburg jetzt das Planfeststellungsverfahren für den Ausbau des Sacrow-Paretzer-Kanals bei Marquardt nördlich von Potsdam eingestellt. Die Behörde begründete dies vor allem damit, dass der Träger des Havelausbaus, das Wasserstraßenneubauamt Berlin, falsche Ausgangszahlen über die Wassermengen in Spree und Havel zugrunde legte. Ein Mitarbeiter des Amtes bestätigte dies: Die Zahlen hätten sich seit Beginn des Verfahrens vor zwei Jahren deutlich verändert. Doch Klimaforscher weisen schon länger darauf hin, dass durch das Ende vieler Braunkohletagebaue in der Lausitz die Wassermengen stark zurückgehen. Schon ohne Havelausbau sind davon beispielsweise Überflutungsflächen wie die Tiefwerder Wiesen in Spandau betroffen. Sie sind quasi die Fisch-Kinderstube Berlins. Wenn das Frühjahrshochwasser alljährlich die Wiesen überschwemmt, laichen dort Hechte und andere Fische, deren Junge nur im Flachwasser aufwachsen können.

Mit der Vertiefung und Verbreiterung der Havel würde es nach Ansicht der Umweltschützer keine Überflutungsflächen mehr geben. Zwar könne man durch Stau-Einrichtungen in Spree und Havel das Wasser für gewisse Zeit in den Flüssen halten, die Qualität werde davon aber nicht besser. Winfried Lücking erklärt: „Stehendes Wasser enthält irgendwann zu wenig Sauerstoff, es kommt zu Blaualgenwuchs, Fische und andere Lebewesen müssen sterben.“

Trotz mehrfacher Anfragen wollte sich das Bundesverkehrsministerium bislang nicht zum Baustopp an der Havel äußern. Experten sind sich aber einig: Wenn der Sacrow-Paretzer-Kanal nicht ausgebaut und für große Schiffe befahrbar wird, stellen sich viele andere für „Projekt 17“ bereits fertiggestellte oder in Arbeit befindliche Objekte in Frage – beispielsweise der Neubau der Schleusen Charlottenburg oder Kleinmachnow. Ein Mitarbeiter der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung äußerte sich gestern entsetzt über den Baustopp: „In Erwartung der großen Schiffe wurden umfangreiche Investitionen im Westhafen getätigt, schon jede Verzögerung von Projekt 17 führt zu Verlusten.“

Das Wasserstraßenneubauamt gibt sich hingegen optimistisch. Man werde die Zahlen ändern und die Neuaufnahme des Verfahrens beantragen. Ob dies zum Erfolg führt, ist nach Ansicht einer Sprecherin der Magdeburger Planungsbehörde aber „völlig offen“.

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