Der Tagesspiegel : Wenn die Chipstüte funkt

Nach 25 Jahren verschwindet der Strichcode – zukünftig werden kleine Sender in der Verpackung viel mehr Informationen mitteilen

Martin Ebner

Sich schwarze Striche auf die Stirn zu malen, das war ein einmal sehr beliebt bei Menschen, die gegen Volkszählung und Überwachungsstaat protestierten. Den Siegeszug des Strichcodes konnten die Bedenken der Datenschützer nicht aufhalten. Auf dem Höhepunkt des Erfolges zeichnet sich nun aber das Ende ab: Noch perfektere Überwachungstechniken mit Minisendern machen dem kleinen „Zebrastreifen“ Konkurrenz.

Bereits 1949 hatte der Amerikaner Douglas Young den Strichcode zum Patent angemeldet. Der Durchbruch der berührungslosen Methode zum Erfassen von Waren kam jedoch erst Jahrzehnte später: Am 26. Juni 1974 las um 8 Uhr erstmals ein Supermarkt-Scanner in Ohio einen Barcode: das Preisschild einer Packung Kaugummi. Und vor 25 Jahren wurde in Brüssel die internationale EAN-Vereinigung gegründet.

Diese Organisation, in Deutschland durch die Centrale für Coorganisation in Köln vertreten, vergibt seither „Europäische Artikelnummern“, die mit den Strichcodes in USA und Kanada kompatibel sind. Über 900 000 Unternehmen und Einrichtungen in 129 Ländern leisten sich heute EAN-Strichcodes, die pro Jahr zwischen 100 und 400 Euro Grundgebühr und einen „umsatzbezogenen Beitrag“ von 110 bis 8100 Euro kosten. Dafür teilt die EAN eine einmalige, meist dreizehnstellige Nummer aus drei Teilen zu.

An ihrem Anfang steht die „internationale Lokationsnummer“, die nicht das Herstellungsland angibt, sondern nur, in welchem Land der Strichcode beantragt wurde (40 für Deutschland). Darauf folgen die Nummer der Firma und die Artikelnummer. Mehr Informationen enthält der Strichcode nicht. Zum Ärger von Verbrauchern sind ihm zum Beispiel keine Angaben zu Verfallsdatum oder Inhaltsstoffen zu entnehmen. Die schwarzen Streifen dienen lediglich dazu, die EAN-Nummer maschinenlesbar zu machen – Sinn ergibt diese Zahl erst, wenn sie mit einer Datenbank abgeglichen wird.

Ursprünglich waren Strichcodes für Lebensmittel in Selbstbedienungssupermärkten gedacht. Heute dienen sie als Universalsprache der Geschäftswelt. Mancherorts werden sogar die Mülleimer mit ihrer Hilfe identifiziert, und in großen Krankenhäusern bekommen Patienten ein Armband mit Strichcode. Als eine der letzten Organisationen hat die NATO die Balken entdeckt: Bis zum Jahr 2005 wollen die Militärs ihren gesamten Nachschub damit kennzeichnen.

Für verschiedene Anwendungen gibt es mittlerweile eine ganze Familie von Strichcodes. Neue, „zweidimensionale“ Codes etwa können mit zwei zusammengesetzten Streifen bis zu 2361 Zeichen speichern. Ein Code namens „RSS-14 Stacked Composite“ wurde im Frühjahr für das Gesundheitswesen empfohlen: Er ist so klein, dass er auf einzelne Tabletten passt.

Trotz seiner großen Verbreitung wird der Strichcode bald verschwinden. „Radiofrequenz-Identifikation“ (RFID) heißt das neue Zauberwort: alle Produkte sollen mit Transpondern ausgestattet werden, mit winzigen Computerchips und Antennen. Diese „Tags“ genannten elektronischen Etiketten sind so klein, robust und flexibel, dass sie nicht nur auf Produkte geklebt, sondern sogar in Papier eingearbeitet werden können, zum Beispiel in Eintrittskarten oder Geldscheinen. In Glasröhrchen können Tags auch Tieren injiziert werden, etwa in Rinderohren.

Im Vergleich zu Strichcodes können Tags viel mehr Informationen enthalten, etwa Gebrauchsanleitungen. Sie können außerdem nicht nur Daten an ein Lesegerät abgeben, sondern als eine Art elektronischer Frachtbrief auch umfangreiche Informationen aufnehmen und aktualisieren. Wenn sie mit Sensoren kombiniert werden, können sie unterwegs zum Beispiel Temperatur oder pH-Wert messen. Sie registrieren dann auch, wenn bei Tiefkühlware die Frostkette unterbrochen, die Ware verdorben wurde.

Da es kleine Sender sind, brauchen sie auch keine Sichtverbindung zum Lesegerät – und es können viele Tags gleichzeitig ausgewertet werden, etwa eine ganze Palette Milchflaschen auf einmal. Das dürfte vielen Kassiererinnen und Lagerangestellten den Job kosten. Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft schwärmen von einem „unerschöpflichen Potenzial für Rationalisierung und Qualitätssicherung“. Weltweit liefern sich etwa 50 Hersteller ein Wettrennen.

Da einfache Tags noch 15 bis 30 Cents kosten, werden ein paar Jahre vergehen, bis volle Einkaufswagen von sich aus mit der Kasse und „intelligente“ Kleider mit der Waschmaschine sprechen. Pilotprojekte bereiten jedoch das Zeitalter der Wegwerfelektronik vor: British Airways testet elektronische Kofferanhänger, in den USA erproben 7500 Tankstellen die RFID-Technik, Nestlé hat ein Lager für Milchprodukte damit ausgestattet, Ford die Herstellungskette eines Minivans und Intel einen Weinberg. Der Supermarktkonzern Wal-Mart will beim Transponder-Preis von einem Cent einsteigen.

Da der Chiphersteller Intel angekündigt hat, bis 2009 alle Chips mit Sendern auszuliefern, könnte das bald so weit sein. Probleme bereitet außer dem Preis noch die Wahl der Frequenzbänder: Verschiedene Anwendungen und Reichweiten brauchen verschiedene Frequenzen. Wasserhaltige Materialien zum Beispiel lassen sich am besten mit niedrigen Frequenzen durchdringen, für das gleichzeitige Lesen vieler Tags sind hohe Frequenzen gut – was also tun, wenn ganze Getränkekästen erfasst werden sollen?

Außerdem gibt es noch keine international einheitliche Standards für Anwendungen, die über ein Unternehmen hinausgehen. Das ändert sich aber. EAN hat mit Unterstützung von Firmen wie Philips und Texas Instruments einen ersten RFID-Standard entwickelt, der für das Erfassen von 250 Tags in fünf Sekunden und eine Reichweite bis zu zwei Meter ausgelegt ist. Er beruht auf dem Code EAN-128. Anders ausgedrückt: Der Strichcode mit seiner EAN-Zahl verschwindet nicht wirklich, er wird bloß unsichtbar und kommt in Zukunft als Funksignal daher.

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