Der Tagesspiegel : Wenn die Spree rückwärts zum Großen Müggelsee fließt

Experten und Naturschützer berieten über die Zukunft des Flusses

Sandra Dassler

Cottbus. „Es gibt Zeitpunkte im Laufe eines Tages, da fließt die Spree in Berlin rückwärts zum Großen Müggelsee.“ Dietrich Jahn von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin beschreibt die Auswirkungen einer dramatischen Entwicklung, die nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Brandenburg und Sachsen Besorgnis auslöst: der Spree geht das Wasser aus. Zugleich zwingt die EU-Wasserrahmenrichtlinie zur Freude vieler Naturschützer die Behörden dazu, den Fluss in möglichst naturnahem Zustand zu erhalten oder wiederherzustellen.

Wie die damit verbundenen Probleme angesichts oft unterschiedlicher Interessen der Spree-Nutzer gelöst werden können, darüber berieten in Cottbus die Vertreter von Kommunen, Ministerien und Umweltverbänden aus den Ländern Sachsen, Brandenburg und Berlin. Die Deutsche Umwelthilfe e.V. hatte die „Spreekonferenz“ und die Gründung eines Netzwerkes „Lebendige Spree“ angeregt. Solche Initiativen gibt es bereits für andere Flüsse, wie Oder, Elbe und Werra.

Der Wassermangel der Spree resultiert vor allem aus dem Niedergang des Braunkohlebergbaus in der Lausitz. Während noch in den 80er Jahren duch das Trockenpumpen der Kohlegruben durchschnittlich zwischen 30 und 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Spree flossen, sind es heute nur noch etwa zehn Kubikmeter. Hinzu kommt nach Aussagen des Präsidenten des brandenburgischen Landesumweltamts, Matthias Freude, dass das Einzugsgebiet der Spree zu den niederschlagärmsten Regionen in Deutschland gehört. „Im Sommer haben wir teilweise unter fünf Kubikmeter Wasser pro Sekunde – da fließt nichts mehr“, sagte Freude. Das aber hat seiner Ansicht nach nicht nur Konsequenzen für die Spree-Schifffahrt, sondern führt auch zum Sterben von so genannten strömungsliebenden Organismen wie bestimmten Muschelarten.

Auch für die Flutung der Tagebaurestlöcher wird weitaus mehr Wasser benötigt als vorhanden. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man deshalb, so die Ansicht der in Cottbus versammelten Experten, nicht mehr vom ursprünglichen Zeitplan für die Verwandlung der Lausitzer Tagebaue in eine der größten Seenketten Deutschlands ausgehen. Es wird länger dauern – auch wenn das sächsische Regierungspräsidium gestern mitteilte, dass demnächst zusätzlich Wasser aus der Neiße in die stillgelegten Tagebaue der Lausitz geleitet werden kann.

Diskussionen löste der Plan des Potsdamer Verkehrsministeriums und des Landkreises Oder-Spree aus, einen 22 Kilometer langen Spreelauf zwischen Neuendorfer See und Schwielochsee für Fahrgastschiffe auszubauen. Das würde nach Ansicht der Naturschützer nicht nur der EU-Richtlinie widersprechen, sondern auch den Wassermangel und die Umweltbelastung verstärken.

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