Der Tagesspiegel : Wenn die Welt abhanden kommt

Angehörige von Demenzkranken leiden oft mehr als diese selbst. Ein Spezialheim betreut auch die Familien

Sandra Dassler

Hennigsdorf - Die zierliche weißhaarige Dame schiebt ihre fahrbare Gehhilfe über den langen Flur. „Geht es hier nach Tempelhof?“, fragt sie. Kathrin Graf antwortet freundlich: „Nein, Frau Bäumert, hier geht es nach Reinickendorf. Wohnt da nicht Ihre Schwester?“ – „Ja“, sagt Frau Bäumert (Name geändert) fröhlich, „da kann ich gleich zum Kaffee vorbeischauen.“ Sie biegt um die Flurecke.

Fünf Minuten später wird sie wieder nach Tempelhof fragen. Und wieder eine freundliche Antwort erhalten. Aber niemand wird ihr sagen, dass sie sich gar nicht in Berlin, sondern im brandenburgischen Hennigsdorf befindet – in einem Spezialpflegeheim für demenzkranke Menschen. „Bei Frau Bäumert ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass sie verzweifelt oder aggressiv reagieren würde, wenn wir ihr die Wahrheit aufzwingen wollten“, sagt Kathrin Graf, die Leiterin des Heims. Deshalb wenden die Pfleger in Hennigsdorf die von der amerikanischen Gerontologin Naomi Feil entwickelte Methode der Validation an. Sie versetzen sich in die Realität des alten Menschen hinein und erreichen so oft, dass der Betroffene sich gut fühlt.

Das funktioniert nur, wenn man weiß, welches Leben hinter den Patienten liegt. Vieles, was auf den ersten Blick wirr scheint, hat einen realen Hintergrund: Herr Köber (Name geändert) beispielsweise hält sich nur ungern in seinem Zimmer auf. Lieber läuft er mit einem Plastikbeutel herum und sammelt ein, was er findet: Ketten, Schuhe, Flaschen. Herr Köber war viele Jahre obdachlos. Herr Meier (Name geändert) rennt den ganzen Tag lang über die Flure oder den Hof. „Er legt unglaubliche Strecken zurück“, sagt Kathrin Graf. Aus der Biografie, um die sie die Angehörigen gebeten hat, hat sie erfahren, dass Herr Meier auch früher kilometerweit zur Arbeit gelaufen ist.

Frau Bäumert, Herr Meier und Herr Köber sind vergleichsweise ruhige Patienten. Frau Dehnert hingegen schreit ständig – warum, weiß keiner. Aber eine Pflegerin hat herausgefunden, dass Musik von Frank Sinatra sie beruhigt. Manche Patienten werden aggressiv, viele müssen gewindelt werden, manche sitzen nur teilnahmslos in ihrem Rollstuhl. Hin und wieder streicheln ihnen die Pflegerinnen über den Kopf, manchmal setzen sich andere Patienten zu ihnen und summen ein Lied.

Das Langzeitgedächtnis funktioniert bei Demenzkranken meist noch gut, deshalb sind entlang der Flure kleine Aufenthaltsräume mit Möbeln aus den 20er und 30er Jahren eingerichtet. Auch Stofftiere gibt es überall. „In einem normalen Pflegeheim können Menschen mit einer hochgradigen Demenz nicht adäquat versorgt werden“, erklärt Kathrin Graf: „Und sie sind eine große Belastung für die anderen Bewohner, die geistig gesund sind.“ Deshalb hat sich die Einrichtung in Hennigsdorf, die zur Marseille-Kliniken AG gehört, auf diese Klientel spezialisiert. Besonders geschulte Krankenschwestern, Ergotherapeuten, Altenpfleger kümmern sich um die zurzeit 62 Patienten. 110 Betten in 84 Einzel- und 13 Doppelzimmern stehen zur Verfügung. An vielen Räumen erleichtern große Fotos den Bewohnern das Wiedererkennen – auch im Garten befinden sich Orientierungshilfen. Der Atriumbau mit dem geschützten Innenhof gibt zusätzliche Sicherheit für „weglaufgefährdete“ Bewohner.

Das ist für Angehörige beruhigend. Carla Ullmann aus Reinickendorf beispielsweise hat viele Stunden in Sorge verbracht, als ihr Mann aus einem Tagespflegezentrum verschwand. „Zufällig wurde er von der Polizei gefunden“, erzählt die 64-Jährige. Ihren 15 Jahre älteren Rolf hatte sie 1991 bei einer Kur kennen- und lieben gelernt – einen freundlichen, sanften Mann. Mitte der 90er Jahre traten die ersten Anzeichen von Demenz bei ihm auf. Ab 2004 ging es rapide bergab.

„Mitten in der Nacht stand Rolf auf, schaltete den Herd an, ließ das Wasser laufen. Ich konnte ihn keine Minute aus den Augen lassen“, erzählt Carla Ullmann. „Er war verwirrt, desorientiert, unruhig.“ Dass der einstmals so zartfühlende Mann zunehmend aggressiv wurde und sie sogar schlug, berichtet sie nur zögernd. Wie viele Angehörige von Demenzkranken macht sie sich Vorwürfe. „Man kann in solchen Extremsituationen nicht 24 Stunden lang freundlich sein“, sagt sie. Noch größere Gewissensbisse bereitet ihr, dass sie es irgendwann nicht mehr schaffte und ihren Mann nach Hennigsdorf brachte.

„Allen Angehörigen fällt dieser Schritt furchtbar schwer“, sagt Anke Beckmann. Deshalb betreut die Diplompsychologin in Hennigsdorf nicht nur die Patienten, sondern auch deren Angehörige. Einmal im Monat treffen sie sich. Tauschen Erfahrungen aus, finden Trost im Wissen, dass es vielen anderen ähnlich geht.

Joachim Kalinkus aus Charlottenburg bemerkte vor acht Jahren, dass seine Mutter sich nicht mehr so pflegte wie früher. Auch ihre Wohnung verkam immer mehr. Sie aber lehnte jede Hilfe ab, wollte keine Putzfrau, ließ sich zu keinem Arztbesuch bewegen. Erst als sich Edith Kalinkus den Oberschenkel brach, stellten Ärzte die Demenz fest. Joachim Kalinkus macht sich Vorwürfe. „Hätte ich das doch eher gewusst – ich war manchmal ungeduldig mit ihr.“ Weil er seine Mutter nicht selbst pflegen kann, hat auch er ein anhaltend schlechtes Gewissen. „Aber es hilft, wenn man weiß, dass sie in Hennigsdorf besser aufgehoben ist als anderswo“, sagt er.

So sieht es auch Carla Ullmann. Viermal die Woche fährt sie zu Rolf. Geht mit ihm spazieren, streichelt ihn, erzählt ihm etwas. „Er ist nicht mehr aggressiv, und ich bin nicht mehr überfordert“, sagt sie. Trotzdem tue es weh, ihn nicht zu Hause zu haben. Aber wenn sie ins Heim kommt und Rolf winkt ihr vom Fenster aus zu, ist sie einen Augenblick lang glücklich. Dass Rolf es auch ist, kann sie nur hoffen.

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