Der Tagesspiegel : Wenn jeder Dritte keine Arbeit hat

Prenzlaus trauriger Rekord: Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Erwerbslose wie im Nordosten Brandenburgs

Claus-Dieter Steyer

Prenzlau. Die rote Laterne in der bundesweiten Arbeitslosenstatistik geht erstmalig nach Brandenburg: In Prenzlau und Umgebung waren im Januar 29,1 Prozent aller Erwerbsfähigen ohne Job, so viel wie sonst nirgendwo in Deutschland. Die Zahlen aus diesem nordöstlichen Zipfel übertreffen sogar weit den Brandenburger Durchschnitt. Dabei ist der schon dramatisch genug. Im ganzen Land suchten im Januar 266 000 Menschen einen Arbeitsplatz. Die Quote liegt damit bei 19, 6 Prozent – gegenüber dem Dezember 2002 ein Zuwachs um 1, 8 Prozent.

Die Kleinstadt Prenzlau ist den meisten Auswärtigen vor allem als Durchgangsort bei Autofahrten in Richtung Ostsee bekannt. Mitten im Zentrum kreuzen sich zwei Bundesstraßen. Doch lange Staus gibt es schon seit rund einem Jahr nicht mehr. Die neue Autobahn A 20 führt im weiten Bogen um die Stadt herum. Um 60 Prozent ist damit der Verkehr in der Stadt zurückgegangen.

Wie so oft liegen Fluch und Segen auch hier dicht beieinander. Denn durch die Autobahn macht kaum noch jemand Rast in Prenzlau. Gaststätten, Cafes und Hotels gehen leer aus. „Wir werden überregional leider kaum noch wahrgenommen“, sagt Jochen Bachner, Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung. Dabei kämpfte Prenzlau Mitte der neunziger Jahre vehement für die Autobahn. Die großzügig erschlossenen Gewerbegebiete sollten besser erreichbar sein und dadurch endlich verkauft werden. Diese Hoffnung hat sich gründlich zerschlagen.

Die heute dank vieler Eingemeindungen umliegender Dörfer rund 21 800 Einwohner zählende Stadt leidet noch immer unter den starken Einbrüchen nach der Wende. Das Armaturenwerk nannte 1990 noch 1400 Beschäftigte. Die meisten der Mess- und Steuerapparaturen für Gas und Wasser nahmen einst die Sowjetunion und andere Ostblockländer ab. Damit war spätestens mit der D-Mark-Einführung Schluss. Das Aus kam auch für den Schlachthof und die Zuckerfabrik, die jeweils rund 100 Arbeitsplätze geboten hatten. Der Niedergang der Landwirtschaft in der Umgebung blieb gleichfalls nicht ohne Folgen. Große Instandhaltungsbetriebe für Landtechnik brauchte plötzlich niemand mehr.

Die Aussichten für die Zukunft sind nicht gerade rosig. Für 2004 hat die Firma Schöller die Aufgabe ihres Prenzlauer Eiswerkes angekündigt. Das einst mit viel Vorschusslorbeeren gestartete Projekt einer Flachsfabrik ist endgültig gescheitert. Nur eine riesige Baugrube erinnert noch daran.

Der im Vorjahr neugewählte PDS-Bürgermeister Hans-Peter Moser hat die Wirtschaftsförderung aufgestockt. Allerdings sind die Ideen weder neu noch besonders originell. Die Industrie- und Handelskammern im Westen erhielten Pakete mit einer DVD und Prospekten über Prenzlau. „Vielleicht machen wir ja doch einen Investor neugierig“, hofft Amtsleiter Bachner. „Bei produzierendem Gewerbe gibt es auch noch Fördermittel.“ Die offizielle Arbeitslosenquote drückt noch nicht die ganze Wahrheit aus. Zu den 29,1 Prozent müssten eigentlich zwischen acht und neun Prozent dazugerechnet werden. Denn so viele Menschen befinden sich in ABM oder vergleichbaren Beschäftigungsverhältnissen. Damit suchen mehr als ein Drittel aller Menschen im arbeitsfähigem Alter in Prenzlau und Umgebung einen festen Job.

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