Der Tagesspiegel : Wenn nichts mehr fruchtet

Reproduktionsmediziner helfen, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt – allerdings nicht mit allen Mitteln

Reinhart Bünger

Reinhard Hannen ist nicht der liebe Gott. Aber viele seiner Patienten wünschten, er wäre es. Der Reproduktionsmediziner ist für viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch die letzte Station. Sie kommen zu ihm, wenn scheinbar nichts mehr fruchtet. Sein Geschäft boomt.

Zwölf Festangestellte arbeiten für den Berliner Arzt. Hannen behandelt in drei Arztzimmern parallel, von sieben bis 21 Uhr. Zu ihm kommen immer mehr junge Paare. Ihnen gibt er zunächst einen ganz natürlichen Rat: „Wenn Sie schwanger werden wollen, müssen Sie drei Mal pro Woche miteinander schlafen. Dann hat Ihre Frau immer ein Spermareservoir.“ Natürlich gibt es auch viele medizinische Gründe, die zur Kinderlosigkeit führen können. Rund jedes sechste Paar weltweit kann sich nicht wie gewünscht fortpflanzen. Rund 40 Prozent dieser Fälle sind nach Angaben der Universität Newcastle auf Probleme des männlichen Partners zurückzuführen. Oft sind die Spermien nicht in ausreichender Zahl vorhanden, schlecht beweglich oder ausgebildet.

Aber häufig schlafen die Menschen einfach zu wenig miteinander. Und warum? „Das liegt am absoluten Existenzdruck. Früher blieben die Frauen zu Hause und gingen keiner Erwerbstätigkeit nach, heute erleben gerade die Frauen einen unheimlichen Leistungsdruck. Männer sind da stressresistenter“, sagt Hannen, der selbst drei Kinder gezeugt hat.

Statistisch gesehen, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland keinen Trend, der auf mehr Nachwuchs in den kommenden Jahren schließen ließe. Deutsche Paare sind – ob verheiratet oder unverheiratet – oft nicht in freudiger Erwartung, wenn es um Kinder geht. Die demografische Abwärtsspirale dreht sich seit 1972. Deutschland trägt in Europa bei der Geburtenrate die rote Laterne. Nach einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung erwartet nur noch eine Minderheit von einem Viertel der Männer und Frauen, dass ein erstes oder weiteres Kind ihre Lebensfreude und -zufriedenheit verbessern würde. Hinzu kommt, dass die Reproduktionsmedizin in Deutschland zu fünfzig Prozent von den Paaren selbst bezahlt werden muss. Im Jahr 2002 wurden noch rund 85 000, im Jahr 2003 dann 105 000 künstliche Befruchtungen vorgenommen. Die Zahl halbierte sich dann nahezu auf 59 000 nachdem die Bundesregierung die Kostenübernahme auf 50 Prozent gesenkt hatte. In der Folge wurden 2004 nun noch 6000 künstlich gezeugte Kinder geboren, 2003 waren es noch rund 16 000. Wirtschaftswissenschaftler in Großbritannien sehen die öffentliche Finanzierung von künstlichen Befruchtungen als volkswirtschaftlichen Gewinn. Den derzeitigen Kosten von bis umgerechnet 19 000 Euro für eine Zeugung im Reagenzglas stehe ein Vielfaches an Steuer- und Versicherungseinnahmen gegenüber, sagte der Wissenschaftler Bill Ledger aus Sheffield.

Zurzeit verhandelt das Bundesverfassungsgericht darüber, ob gesetzliche Krankenkassen eine künstliche Befruchtung auch dann bezuschussen müssen, wenn das betroffene zeugungsunfähige Paar nicht miteinander verheiratet ist. Die Klägerin des Ausgangsfalles sieht in der gesetzlichen Regelung, wonach nur Verheiratete einen Anspruch auf einen Zuschuss von 50 Prozent der Kosten haben, einen grundgesetzwidrigen Eingriff in ihr Recht auf Familie. Die Richter in Karlsruhe deuteten mit ihren kritischen Fragen an, dass sie die Regelung zugunsten unverheirateter Paare womöglich kippen könnten.

Reinhart Hannen kann das nur recht sein: „Reproduktionsmedizin ist eine hochpreisige Angelegenheit.“ Hat er die strengen deutschen Auflagen schon einmal umgangen – und einer Frau durch das Einsetzen einer fremden Eizelle zu Mutterfreuden verholfen? „Nein“, sagt er, „das wäre viel zu gefährlich – ohne Mitwisser im Labor wäre das gar nicht zu machen, der Arzt würde erpressbar.“ Gleichwohl kann er Tipps geben. Denn im europäischen Ausland gibt es zum Beispiel Fertilitätskliniken, die unter großzügigeren gesetzlichen Rahmenbedingungen für Nachwuchs sorgen. Auch Hannen wäre bei veränderter Gesetzeslage schnell in der Lage, jedes erdenkliche Verfahren in Berlin anzubieten: „Ich habe eine mehrsprachige Biologin – meine ,Eizellprinzessin’. Das Labor ist so gut wie die Biologin, nicht wie der Arzt.“

Weitere Informationen unter:

www.wunschkind.de

www.familienplanung.de

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