Der Tagesspiegel : Wer kauft den Wandlitzsee?

Der See wird ausgeschrieben. Den neuen Besitzern gehört dann das Wasser – und für Baden können sie Geld fordern

Claus-Dieter Steyer

Wandlitz. Eines der schönsten Gewässer im Berliner Umland steht zum Verkauf: der Wandlitzsee, rund 35 Kilometer nördlich vom Alexanderplatz im Kreis Barnim gelegen. Zwar ist der genaue Preis noch ungewiss, aber Interessenten müssen sich wohl auf eine Summe um die 400 000 bis 500 000 Euro einstellen. Davon ist jedenfalls in der 4500 Einwohner zählenden Gemeinde Wandlitz die Rede. Die Gemeindevertretung hatte im Sommer sogar eine Spendenaktion gestartet, um den See selbst kaufen zu können. Doch das Geld reichte nicht und deshalb gab sie ihr Vorrecht auf den Erwerb des 211 Hektar großen Gewässers auf.

Die 1992 gegründete Tochterfirma der einstigen Treuhandanstalt, die Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft BVVG, startet jetzt die Verkaufsoffensive. „Anfang nächsten Jahres stellen wir eine öffentliche Ausschreibung des Wandlitzsees auf unserer Internetseite und in Anzeigen vor“, sagte BVVG-Pressesprecher Reinhard Bauerschmidt. „Da steht dann auch ein Kaufgebot dabei, das sich an den verschiedenen Gutachten orientiert.“ An dieser Ausschreibung könne sich jedermann beteiligen. Am Ende zähle für den Zuschlag jedoch nicht nur der Preis. Der Käufer müsse auch ein Konzept für den See vorliegen, sagte Bauerschmidt.

Der nicht alltägliche Verkauf des Sees hat folgende Hintergründe und Folgen:

Bis 1945 befand sich der Wandlitzsee im Privateigentum des Fischers Barth. Im Zuge der Bodenreform wurde der Fischer enteignet, weil er mehr als 100 Hektar Fläche besaß. Der See kam in den Bodenreformfonds und ab 1949 zum DDR-Staatseigentum.

Nach der Wende übernahm die Treuhandanstalt die Verantwortung, die ihre Immobilientochter BVVG mit der Privatisierung beauftragte. Seit 1992 wurden im Osten rund 10 000 Hektar Seen, Teiche, Gräben und Bäche verkauft.

Der neue Wandlitzsee-Eigentümer muss sich an geltende Gesetze halten und den Zugang für Ausflügler gewährleisten.

Da zum Verkaufspaket keine Grundstücke an Land gehören, wird sich der Eigentümer auf die Verpachtung der Fischereirechte konzentrieren. Auch das gemeindeeigene Strandbad und die anderen Nutzer des Sees, wie Surfer, Taucher und Bootsverleiher, müssen damit rechnen, dass Preisverhandlungen auf sie zukommen.

Die Gemeinde Wandlitz will sich an der Ausschreibung des Sees beteiligen, auch wenn sie den jetzt geforderten Preis nicht aufbringen konnte. Der für seine Sauberkeit und seinen Fischreichtum bekannte See lockt schließlich in jedem Jahr Tausende Badelustige an. Er sei damit eine richtige Goldgrube, ist im Dorf immer wieder zu hören.

Zum Ruhm des Gewässers hat sicher auch der Mythos der abgeschirmten Wohnsiedlung der SED-Parteigrößen beigetragen. Doch die trug nur den Namen Wandlitz, lag aber einige Kilometer vor den Gemeindegrenzen. Tatsächlich gehörten die Anfang der sechziger Jahre gebauten Funktionärshäuser zur Gemarkung der Stadt Bernau und die Bewohner zog es eher zum näher gelegenen Liepnitzsee. „An den Wandlitzsee strömten die Berliner schon vor 100 Jahren“, sagt Christine Papendieck, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wandlitzer Agrarmuseums. „Denn 1901 wurde die Heidekrautbahn eröffnet, die Ausflügler bequem ins Grüne brachte.“ 1923 öffnete das Seefreibad, dem drei Jahre später ein Restaurant folgte. Die Chronik zeigt für das Jahr 1936 mit 36 000 Badegästen den Rekordbesuch an. Heute stürzen sich in der Saison bei schönem Wetter täglich etwa 300 Gäste im 1999 restaurierten Freibad in die nassen Fluten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben