Der Tagesspiegel : Wie im Flug nach Hamburg – mit Tempo 250 im ICE Ab Dezember soll die Bahn die Strecke von Berlin in eineinhalb Stunden zurücklegen. Die Fahrt mit dem Versuchs-Zug verlief ohne Komplikationen

Klaus Kurpjuweit

Wittenberge - Nur zwei Finger umfassen den Hebel, mit der linken Hand drückt Uwe Clasen ihn locker nach hinten – und los geht es. Der tonnenschwere, dreiteilige ICE, er wiegt mit 211 Tonnen etwa so viel wie 40 Elefanten, kommt sofort in Fahrt. Clasen, Versuchslokführer bei der Bahn AG, beschleunigt nun kontinuierlich. Nach gut drei Kilometern hat der ICE zwischen Wittenberge und Neustadt (Dosse) mehr als 250 km/h erreicht. Die Anzeige pendelt zwischen 251 und 256 hin und her. Exakt mit Tempo 253 soll der ICE nun die etwa 50 Kilometer zurücklegen.

Clasen ist auf Testfahrt auf der Strecke Hamburg – Berlin, auf der die schnellen ICE von Dezember an planmäßig mit Tempo 230 unterwegs sein werden. Schneller sind die Züge bisher nur auf Neubaustrecken. Die Verbindung zwischen Berlin und Hamburg ist aber „nur“ eine Ausbaustrecke. Die 1846 eröffnete Strecke ist in den vergangenen vier Jahren aufwändig ausgebaut worden – mit Kosten von etwa 650 Millionen Euro.

Zuvor war die Verbindung bereits als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit saniert worden. Schon zu Beginn der 90er Jahre wollte man die Züge hier mit Tempo 200 fahren lassen. Doch als dann die Pläne aufkamen, beide Städte mit dem Transrapid zu verbinden, wurde der Bahnausbau abgespeckt. Jetzt war nur noch Tempo 160 vorgesehen. Die Sanierung kostete trotzdem rund zwei Milliarden Euro.

Nachdem der Transrapid aufs Abstellgleis geschwebt war, versprach Bahnchef Hartmut Mehdorn, die gute alte Bahn werde mit ihren modernen Zügen in eineinhalb Stunden von Berlin nach Hamburg rasen. Damit dauert die Fahrt etwa eine halbe Stunde länger als mit dem Transrapid. Heute sind die Züge mehr als zwei Stunden unterwegs.

Bis es so weit ist, mussten auf 260 der insgesamt 287 Streckenkilometer nicht nur 52 Bahnübergänge beseitigt werden, sondern auch die Weichen für die höheren Geschwindigkeiten umgebaut, der Schotterunterbau der Gleise verstärkt, Schienen und Schwellen ausgewechselt sowie die Oberleitung verändert werden.

Zur Sicherheit gibt es bei den Testfahrten einen Zuschlag von zehn Prozent auf die später zulässige Höchstgeschwindigkeit. Also muss Clasen Tempo 253 erreichen. Im Messwagen beobachten je drei Techniker mit ihren Geräten die Gleisanlage und die Oberleitung, die auch per Kamera erfasst wird. Es gibt keine Beanstandung. „Wir haben sehr gut gebaut“, freut sich Horst Falkuß von der Bauaufsicht. Ende Oktober sollen die Testfahrten abgeschlossen sein. Auch Clasen und sein Kollege im Führerstand sind zufrieden. Dass die Stecke in Ordnung ist, spüren die erfahrenen Lokführer auch ohne Messgeräte – mit ihrem „Popometer“ auf dem Sitz.

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