Der Tagesspiegel : Wie Potsdam einen Schriftsteller in die Platte schickte

Andreas Maier sollte die Kultur der Stadt bereichern Doch statt eines Stipendiums gab es böse Worte

Sandra Daßler

Potsdam - Potsdam will europäische Kulturhauptstadt werden. Und Potsdam suchte einen Schriftsteller, der vier Monate dort wohnen und mit einem Stipendium ausgestattet seiner Arbeit nachgehen sollte. Andreas Maier wurde dazu ausersehen, ein Hesse, bekannt geworden mit „Wäldchestag“ – aber statt Potsdams kulturelles Bild zu schmücken, hat Maier der Stadt jetzt öffentlich empfohlen, die Kulturstadt-Bewerbung lieber mit einem Warnhinweis zu versehen.

Zuvor hatte er sich wochenlang gegen Vorwürfe wehren müssen, er sei ein „eingebildeter Wessi, der sich zu fein ist, in einem Plattenbau zu wohnen“.

Dabei begann alles so erfreulich. Maier hatte sich im Sommer um Potsdams erstmals vergebenes Literaturstipendium beworben und freute sich sehr, als er im September hörte, dass eine Jury ihn unter 25 Kandidaten ausgewählt hatte. Das Stipendium sollte am 1. November beginnen – doch kurz zuvor teilte eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Maier mit, dass man noch keine Wohnung für ihn habe. Für den wäre es kein Problem gewesen, etwas später nach Potsdam zu kommen. Doch kurz darauf musste er zu seiner Überraschung in verschiedenen Zeitungen lesen, er lehne es ab, in eine Plattenbauwohnung am Stadtrand von Potsdam zu ziehen.

Dabei hatte nicht der Schriftsteller Einspruch erhoben. Es waren die Stipendiums-Juroren: Sie fanden es rufschädigend für die Stadt, wenn der nicht nur mit dem Clemens- Brentano-Preis ausgezeichnete Schriftsteller in die Platte geschickt würde. Doch ihr Brief an Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs gelangte an die Medien – und wurde Maier zugeschrieben. Die beiden Wohnungsbaugenossenschaften Gewoba und Karl Marx zogen daraufhin ihr Angebot zurück, Maier kostenlos wohnen zu lassen und verkündeten, er beleidige alle Potsdamer, die in Plattenbauten wohnen.

Maier versuchte zu erklären, dass er gar nichts gegen eine Wohnung in der Platte habe – inzwischen aber höchst irritiert über die „Unprofessionalität des Potsdamer Kulturamts“ sei. Dennoch war er immer noch bereit, die Stelle anzutreten – bis er vor wenigen Tagen den Vertrag zugeschickt bekam. Darin las er, dass er den Fördermittelgebern honorarfrei zur Verfügung zu stehen habe – und zu den Fördermittelgebern gehörten zu Maiers Missvergnügen auch die zwei Wohnungsbaugenossenschaften, die ihn so diffamiert hatten. Maier lehnte das Stipendium ab.

Oberbürgermeister Jakobs bat um Entschuldigung. Maier nahm sie an – doch das Kulturamt legte offensichtlich noch einmal nach. Vorgestern verbreitete erneut eine Nachrichtenagentur – unter Berufung auf Potsdams Kulturdezernentin Gabriele Fischer –, Maier habe nicht in die Platte ziehen wollen. Gestern Nachmittag stellte die Stadtverwaltung klar, dass die „Äußerungen von Frau Fischer sinnentstellt wiedergegeben wurden“. Oberbürgermeister Jann Jakobs entschuldigte sich noch einmal.

Da hatte Maier die ganze unrühmliche Geschichte schon aufgeschrieben – nachzulesen im „FAZ“- Feuilleton. „Ein normaler Maier-Text. Er handelt davon, wie aus einer Mischung aus Unfähigkeit und Hintertriebenheit ein ganz übles Gebräu wird“, sagte er gestern dem Tagesspiegel. Er saß schon im Zug – nach Potsdam, um bei der Brandenburgischen Literaturnacht seine Geschichte vorzulesen. Oberbürgermeister Jakobs war nicht unter den Zuhörern. Er fuhr zu einer Konferenz nach Berlin – um Potsdam als Europäische Kulturhauptstadt 2010 anzupreisen.

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