Der Tagesspiegel : Wieder leuchten die Kirschen

THORSTEN METZNER

Werder lädt ab Sonnabend zum 118.Baumblütenfest ein / 500 000 Besucher erwartetVON THORSTEN METZNER WERDER.Diese Bauernregel wird in der Blütenstadt wohl ewig stimmen: "Wo Kirschen leuchten, versammeln sich die Berliner".Schließlich hat man diese frühlingshungrige, obstweindurstige Großstadt-Spezies hier seit dem Jahr 1879 genau studieren können.Nun ist es wieder so weit.Preußisch-pünktlich zum nunmehr 118.Baumblütenfest, das am Sonnabend mit dem obligatorischen Festumzug (12 Uhr) beginnt und eine Woche gefeiert wird, haben sich die Gärten auf den Werderaner Hügeln in diesen Tagen wieder in ein weiß-rotes Blütenmeer verwandelt.Und die Werderaner Obstbäume, darauf ist Bürgermeister Werner Große besonders stolz, sind diszipliniert wie eh und je."Süßkirschen und Pflaumen blühen schon, die Pfirsiche beginnen gerade.Äpfel und Sauerkirschen ziehen nach", sagt Große.Kurz: Die 500 000 Besucher (1996) können getrost wieder in das 12 000-Einwohner-Städtchen strömen. Dennoch gesteht Große, daß ihm wenige Stunden vor dem Startschuß "schon die Knie weich werden." Immerhin hat neben der täglichen Blütenstands-Kontrolle (wichtig) und hektischen Fest-Vorbreitung (wichtiger) auch die Abstimmung mit Petrus (am wichtigsten!) zu sichern.Wird die Sonne am Wochenende - wie in den letzten Jahren - mitfeiern? Und dann gehört auch noch der Walzer mit der frischgekürten Blütenkönigin zur bürgermeisterlichen Amtspflicht in Werder: Bloß nicht auf die Bretter knallen! Apropos: Wenn die Blüte gefeiert wird, darf natürlich vor allem der der legendäre "Bretterknaller" - jener süß-süffige Obstwein mit der garantierten Wirkung - nicht fehlen, nach dessen Genuß der seriöse Komponist Walter Kollo einst fröhlich textete: "Fährst nach Werder Du, dann präg Dir ein, leicht wirst du dort blau vom roten Wein.So manches Paar fand ihn wunderbar, und dann kam ganz sacht die Johannisnacht..." Nach vorsichtigen Hochrechnungen werden in Werder jährlich 400 000 Liter von dem beliebten Gesöff gekeltert.Mehr als 30 Obstbauern wollen mit ihren Ständen wieder dabeisein.1992 waren es nur drei gewesen. Da rechtzeitig zum diesjährigen Fest auch die berühmte Auflugsgaststätte auf der gleichnamigen "Friedrichshöhe" nach einjährigen Leerstand wieder eröffnet wurde, das Bier laut Volksmund sogar billiger als vorher sein soll, da in der historischen Altstadt wieder einige Häuser mehr saniert sind und am Fuße der Werderaner Bockwindmühle ein neuer Uferweg zum Flanieren lädt, kann eigentlich diesmal nichts schiefgehen. Denn beim Fest selbst bleibt eigentlich alles beim bewährt Alten: Während an der Festmeile "Hoher Weg" dutzende Händler Obst und Wein, Keramik und Trödel feilbieten, fabulieren Gaukler und Schausteller täglich vor der Insel und am Marktplatz, wird auf den drei Bühnen mal Jazz, mal Hardrock, mal Blasmusik zu hören sein. Die gesellig-geschäftstüchtigen Werderaner haben inzwischen richtig Lust am Feiern gefunden - und zwar das ganze Jahr.Wenn am 4.Mai das Blütenfest zu Ende geht, sind die nächsten Feste im Kalender längst gebucht: Der "Segelsommer" im Juni, das Mühlenfest im August, im Oktober das Ernte- und Schützenfest, dann der Karneval und im Windert das "Werderaner Eisvergnügen." Nur ein Fest fehlt: In diesem Jahr wäre nämlich die 680-Jahr-Feier dran, wie Bürgermeister Große kürzlich beim Blick in die Chronik leicht erschrocken feststellte."Das ist uns irgendwie durchgerutscht".Wetten, daß Werder in diesem Jahr auch noch sein Stadtjubiläum feieren wird? Die Stadtväter empfehlen die Anreise mit der Bahn, dem Bus oder Dampfer.Die Weiße Flotte fährt von Potsdam/Lange Brücke zwischen dem 26.April und 4.Mai täglich im Stundentakt.Die Havelbus-Gesellschaft hat Sonderlinien zwischen Bahnhof Babelsberg und Werder eingerichtet (Mo - Fr alle 20 min), Züge zwischen Potsdam-Stadt und Werder verkehren halbstündlich.Von Bahnhof Zoo fährt am Wochenende ein Sonderzug, Abfahrt 10 Uhr 13.Rückfahrt von Werder nach Zoo 21 Uhr 49, 22 Uhr 05, 22 Uhr 57.0 Uhr 07.

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