Der Tagesspiegel : Wiederentdeckung der Prominenz

Claus-Dieter Steyer

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Der eine verlebte in Brandenburg seine schönsten Jahre, der andere seine sorglosesten. Beide fühlten sich hier also lange Zeit wohl, sie schlossen Freundschaften und hinterließen Spuren. Doch trotz ihrer Weltberühmtheit waren beide an ihren märkischen Lebensstationen viele Jahrzehnte zumindest offiziell vergessen, kaum einer sprach über sie. Erst jetzt erinnern Ausstellungen an Albert Einstein und Max Schmeling.

Bis 1989 waren ihre Namen in den Ortsbeschreibungen von Caputh am Schwielowsee und Bad Saarow am Scharmützelsee nur klein oder gar nicht aufgetaucht. Auch nach der Wende dauerte es anderthalb Jahrzehnte, bis Einstein und Schmeling an ihren langjährigen Wohnorten eine Würdigung erfuhren. Gälte den beiden Männern in diesem Jahr nicht ein rundes Jubiläum, würden die Orte mit großer Wahrscheinlichkeit ihre bekanntesten Bewohner noch immer nicht ehren.

Wer das lange Schweigen erforschen will, stößt auf viele Ursachen. Die DDR hatte immer gehofft, dass Einstein nach dem Krieg in sein renoviertes Sommerhaus in Caputh zurückkehren würde. Doch er blieb im „feindlichen Lager“, das nahm man ihm übel. Schmelings Berufsboxen wiederum wurde von den Sportfunktionären geächtet, genau wie seine Teilnahme am Krieg und seine „Kapitalistenlaufbahn“ nach 1950. Doch das Verhalten staatlicher Stellen im Kalten Krieg reicht zur Erklärung allein nicht aus. Dazu kommt, dass vor allem ältere Bewohner beider Orte die keineswegs nur beschauliche Vergangenheit möglichst ruhen lassen wollten. In Caputh hatte die Hitlerjugend 1938 das jüdische Kinderheim, das zeitweilig Einsteins Sommerhaus nutzte, überfallen und die Kinder in der Nacht vertrieben. Bad Saarow erklärte sich schon Mitte der dreißiger Jahre stolz für „judenfrei“. Über diese Vorgänge wird bis heute lieber geschwiegen.

Mit den Ausstellungen ist nun ein Anfang gemacht. Gerade in Bad Saarow will man sich mit der Schmeling-Zeit auseinandersetzen, nicht nur mit den schönen Seiten. Dazu gehört auch die Frage nach den Gründen für sein faktisches Totschweigen zu DDR-Zeiten. Diese Art Aufarbeitung der Vergangenheit im Kleinen trägt nicht nur zur Identitätsbildung in den Orten bei. Sie könnte im Übrigen auch dazu beitragen, dieses Land und seine Geschichte etwas besser zu verstehen.

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