Wiepersdorf : Schloss, Schwan, Stein

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Künstler und Ausflügler entdecken Wiepersdorf wieder.

G,a Bartels
070617wiepersdorf
Schloss Wiepersdorf: Ort mit geistesgeschichtlicher Tradition. -Foto: ddp

Wiepersdorf - Flaschengrün ist der Schlossteich und schneeweiß der Schwan, der darauf seine Runden dreht. „Den hab’ ich Bettina getauft“, sagt Literaturstipendiatin Anja Manz. Der sei immer allein, so wie Bettina von Arnim, die nach dem Tod ihres Mannes Achim 1831 hier auf Schloss Wiepersdorf verwitwet gelebt hat. Anders als der Schwan hatte die Dichterin und rebellische Denkerin der Romantik allerdings sieben Kinder. Und sie hielt sich viel lieber in Berlin und im nahen Schloss Bärwalde auf als in Wiepersdorf. Begraben liegt sie trotzdem hier, gut eine Autostunde südlich von Berlin. Mit den anderen derer von Arnim gleich vorn im Schlosspark an der Kirche.

17 Künstler haben seit der Wiedereröffnung des ältesten deutschen Künstlerhauses im vergangenen September Herz und Hirn an der Landluft erfrischt. Still gearbeitet, laut gelacht, diskutiert, drei Mahlzeiten täglich gegessen. Eben den Luxus genossen, aus der Zeit zu fallen und, von Schönheit umgeben, schöpferisch zu sein. Im Moment seien fünf Stipendiaten aus Berlin, Potsdam und Suhl da und einer aus Finnland, sagt Direktorin Anne Frechen. Platz wäre für 17. Die Künstlerförderung der Bundesländer sei rückläufig. Und private Stiftungen müsse sie nach der fast zweijährigen Schließung erst mal wieder als Stipendiengeber akquirieren. Nach der Auflösung des Kulturfonds der neuen Bundesländer, der das zu DDR-Zeiten als Künstlererholungsheim genutzte Herrenhaus seit 1992 unterhielt, musste Wiepersdorf 2004 schließen. Erst die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat das über 200 Jahre alte Schloss 2006 wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Anne Frechen, 54, verfügt jetzt über einen Jahresetat von 750 000 Euro. Das meiste Geld kommt aus Brandenburg und ist auch für den Erhalt des denkmalgeschützten Schlosses samt Park und Nebengebäuden bestimmt. Draußen sägt und hämmert es: Die Orangerie wird saniert und das Dach des Künstlertraktes neu gedeckt. Hausmeister, Gärtner, Köchin und Verwaltung pflegen Schloss, Museum, Atelierhaus, Park und Künstler. Alle zehn Mitarbeiter stammen von hier. „Die Leute im Dorf lieben ihr Schloss“, sagt Frechen. Und viele Besucher kämen, um endlich wieder auf den Spuren der von Arnims, Brentanos, Gebrüder Grimm, Anna Seghers’ oder Christa Wolfs durch den Park zu wandeln. Im zweiten Halbjahr 2006 waren es an den Wochenenden 1800 Menschen.

Der Jüngste in der Stipendiatenrunde, Risto Oikarinen, 29, Lyriker und Saxofonist, hatte die weiteste Anreise. Er kommt für fünf Monate aus Helsinki. Warum er hierher wollte? „Ich mag die Landschaft“, sagt er. Aber Finnland habe doch viel mehr Gegend? Die sei viel zu voll mit Wald. „Ich mag die Weite, und weil ich kein Deutsch spreche, lenkt mich nichts ab.“ Diese Konzentrationshilfe haben die Schriftstellerinnen Anja Frisch, 31, Anja Manz, 44, und Bildhauerin Anke Mila Menck, 33, nicht. Aber sie sind ebenso berauscht von Ruhe und Raum. Sie sei total baff von so viel ländlicher Schönheit, sagt die Bildhauerin.

Wie Wiepersdorf und seine große geistesgeschichtliche Tradition auf die Stipendiaten wirke? „Mich spornt das an“, sagt Anja Frisch. Die Schriftstellerin wolle die Zeit nutzen und ärgere sich, wenn sie mal nicht schreiben könne. Und abends diskutieren alle fleißig miteinander? „Och, wir spielen auch mal Tischtennis oder gucken einen Film auf DVD.“ Da ist es ja, das Landschulheimflair.

Roswitha Karbaum arbeitet seit 30 Jahren hier. Zu DDR-Zeiten hat sie für Kurt Masur, Rolf Hoppe oder Sarah Kirsch gekellnert. Seit 1995 betreut sie Sekretariat, Museum und die – auch den Dorfbewohnern offenstehende – Bibliothek.

„Wir waren alle glücklich, als wir wiederkommen durften“, sagt sie und öffnet mit klapperndem Schlüsselbund die Türen der Gästesuiten im ersten Stock. Die nicht von den Künstlern genutzten Zimmer können private Literaturzirkel oder Tagungsgäste beispielsweise der Brentano-Gesellschaft mieten. Und auch, wer von weiter her zu einer Lesung in Wiepersdorf kommt, darf hier schlummern.

Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, Tel.: 033 746 / 69 90. Öffnungszeiten des Museums: Sa und So von 13 bis 16 Uhr. Eintritt: 2 Euro. Auch das Gasthaus „Zur alten Schmiede“, Dorfstr. 12, hat einen Biergarten und kocht Hausmannskost.

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