Der Tagesspiegel : Wigald Boning: Auf die grelle Tour

Sie waren beim Berlin-Marathon wieder nur als Zuschauer dabei? Sie haben sich vorgenommen, endlich ins Lauftraining einzusteigen? Dann folgen Sie einfach unseren Routen. Prominente Läufer – Profis und Laien – verraten, wo joggen in Berlin am schönsten ist

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ACHTUNG, FERTIG, LOS: LAUFEN MIT DEM TAGESSPIEGEL (9)

Berlin besuche ich meistens, um für meine ZDFSendung „WIB-Schaukel“ prominente Zeitgenossen zu interviewen. Oft drehen wir drei Folgen in einer Woche, reisen montags an und am Freitagabend wieder ab. Freizeit ist Mangelware. Berufstätige Sportler, die womöglich noch Familie haben, wissen: Der echte Sport besteht darin, das Training Zeit schonend in den Alltag zu integrieren. In Berlin gehe ich folgendermaßen vor: Nach meiner Ankunft am Flughafen Tegel jogge ich Richtung Schloss Charlottenburg. Diesen Weg laufe ich gaaanz langsam, denn ich habe einen Rucksack mit Wechselsocken, Kulturbeutel und Nachtlektüre dabei, und Rucksacklaufen ist bekanntlich orthopädisch so ’ne Sache.

Besonders gut gefällt mir das erste Stück bis zum S-Bahnhof Jungfernheide, denn dort läuft man auf einem offenbar nur höchst selten genutzten Fußweg längs der Autobahn. Eine herrlich groteske 70er-Jahre-Planungseskapade, aber für mich gerade richtig. Normalerweise stoße ich am Tegeler Gerichtsgebäude auf ein „Call-a-Bike“-Rad und fahre hiermit den Rest zum Hotel.

An den kommenden Drehtagen lege ich die Strecke vom Drehort zum Abendessen mit dem Team gerne laufend zurück, zum Beispiel von der Autobahnraststätte Dreilinden bis zum Ku’damm. An sonnigen Sommertagen gleicht die Strecke durch den Grunewald einer sportlichen Großdemonstration, hunderte Biker, Skater und Läufer schieben sich aneinander vorbei. Es gibt also noch mehr Sonderlinge wie mich. Daheim im beschaulichen Allgäu drehe ich grundsätzlich alleine meine Runden.

Überhaupt: Was Ihnen, liebe Berliner, selbstverständlich erscheint, ist für mich als laufendes Landei immer wieder bemerkenswert, zum Beispiel Straßenbeleuchtung. Jawohl, ich spreche von Lampen auf Masten. Nachts ohne Stirnlampe über den Asphalt zu streunen, ohne sich den Fuß in einem Fuchsbau zu verstauchen, nenne ich Luxus. Als ebenso komfortabel empfinde ich nächtens beleuchtete Schaufenster. Harmlose Hutboutiquen können während eines Dunkelheits-Dauerlaufs zu Oasen der Kurzweil werden. So schön das Allgäu sonst auch sein mag, um nächtliche Lichtspektakel zu erleben, müsste ich immerhin zur Tankstelle in die nächste Kreisstadt laufen.

Ob ich eine Lieblingsstrecke habe? Ja. Der 160 Kilometer lange „Berliner Mauer-Radweg“ gehört zu den interessantesten Routen, die ich kenne. Jeder Radler – oder Läufer – hat es auf dieser Strecke mit mindestens zwei Arten von Ergriffenheit zu tun: Jener, die auf die Geschichtsträchtigkeit der (wenigen) verbliebenen Monumente des kalten Krieges zurückgeht, und jener, die auf der Schönheit der mittlerweile entstandenen Natur beruht. Zwischen Lichtenrade und Teltow habe ich höchst seltene Vögel entdeckt, die in ihrer absonderlichen Farbenfreude hervorragend zu meinen grellen 80er-Jahre-Mountainbike-Lycra-Outfits passen. Sollte jemand auf die Idee kommen, auf dieser Strecke einen Ultramarathon zu veranstalten: Ich wäre auf jeden Fall dabei. Ganz im Ernst. Vorsichtshalber rege ich hiermit höchstoffiziell die Ausrichtung dieser Laufveranstaltung an und dränge mich von vornherein als Co-Organisator und/oder Gallionsfigur auf.

Warum ich überhaupt laufe? Autos machen mich nervös. Stundenlanges Sitzen ist mir unangenehm, Staus und Parkplatzsuche lassen mich aggressiv werden. Seitdem ich einen großen Teil meiner täglichen Wege per pedes oder auf dem Fahrrad zurücklege, bin ich ein zufriedenerer Mensch. Fitness ist die automatische Folge meines derzeitigen Lebensstils, weniger das Ziel. Über die Freude am Vorwärtskommen aus eigener Kraft habe ich schließlich auch den Wettkampfsport für mich entdeckt. Nach meinem ersten Marathon in Winterthur 2001 versuche ich, immer längere und schwierigere Strecken zu bewältigen. Das schönste Erlebnis war bisher der Ems-Jade-Lauf von Emden nach Wilhelmshaven über 72 Kilometer. Das Wetter war trübe, der Gegenwind garstig, und ich habe mir sieben Stunden von einem pensionierten Berufsoffizier das Fahrschulwesen der Bundeswehr erklären lassen. So etwas vergisst man nie!

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