Der Tagesspiegel : Wildwuchs in Farbe

Die Kunsthalle Frisch verabschiedet sich mit Malerei von Yury Kharchenko.

Michael Nungesser

Ganz aus Farbe entwickeln sich die Ölgemälde des jungen russischen, in Berlin lebenden Malers Yury Kharchenko und entführen in magische Welten. Aufgetragen nicht nur mit dem Pinsel in oft zeichenhafter Gestik, sondern auch durch Schütten und Farbfluss entstehen dynamisch-atmosphärische Bildräume aus lodernden, sich überlagernden Strukturen. Im Wesenskern abstrakt, schälen sich auf den Bildern bei näherem Schauen vor allem zwei Motive heraus.

Auf den großen Formaten (4500– 15 000 Euro) ist es das Haus. In der Serie „House of Spirit“ wie auch in anderen Hausgemälden taucht dieses umrisshaft als spiritueller Rückzugsort im Zentrum auf. Sein Umriss teilt gewissermaßen die Farbstrukturen des Bildes in ein Außen und Innen. Dieses hebt sich oft funkelnd-hell von der düsteren Umgebung ab, beherrscht von intensiver Spannung. Außen zeigt sich waldähnlicher Wildwuchs. In den beiden Versionen von „The Scarlet Flower“ tritt anstelle des Hause eine große, zeltähnliche Form. Motivisch verwandt ist die Bilderreihe über die Stämme Israels, aus der „Yehuda“ zur Ansicht kommt. Die obere Bildhälfte mit dem Dach des Hauses besteht hier aus reinen geometrischen Farbflächen. Die menschliche Gestalt, bisher höchstens ahnbar, ist in „Dschungel“ als Silhouette in ein schützendes Dreieck eingeschrieben, über das sich mächtiges Farbgestrüpp türmt. Ansonsten taucht sie in der kleinformatigen Serie „Magic Window“ (2000–2250 Euro) auf, gespensterhaft vis-à-vis einem Fenster, dem zweiten zentralen Motiv bei Kharchenko, in dessen Rahmen sich geheimnisvolle vegetabile Formen abzeichnen.

Es sind russische wie jüdische Wurzeln, die sich symbolhaft in die expressive Bildwelt des 1986 in Moskau geborenen Künstlers einschreiben. Als Elfjähriger mit den Eltern nach Deutschland emigriert, ist er als Maler ein Frühreifer. Schon 2008 schloss Kharchenko sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie ab, wo er Markus Lüpertz und Siegfried Anzinger als Lehrer hatte. Danach lebte er in einer Jeschiwa, studierte Geschichte, Philosophie und Literatur.

Der Sammler Harald Frisch, der für den eigenwilligen Sucher spiritueller Welten auch einen Katalog im Kerber Verlag produzierte, muss mit dieser Ausstellung an diesem Ort seine Galeriearbeit beenden. Die vor fast genau fünf Jahren eingeweihte Halle am Wasser, ein umgebautes Lagerhaus hinter dem Hamburger Bahnhof, wird in wenigen Wochen abgerissen. Von Frisch, Kristian Jarmuschek und Friedrich Loock aus der Taufe gehoben, sollte sie als Teil eines Kunstcampus für zehn Jahre existieren. Doch jetzt ist Schluss, die Halle hat ihre Schuldigkeit getan. Der Eigentümer des Grundstückes möchte ein Wohnhaus gehobener Ansprüche errichten. Noch möchte man auch wieder Kunst etablieren, doch ob und wie sie sich dort durchsetzen wird, das steht in den Sternen. Michael Nungesser

Kunsthalle Frisch, Invalidenstr. 50–51; bis 1. 6., Mi–Sa 14–18 Uhr