Der Tagesspiegel : Wildwuchs in neuer Formation: Ungewöhnliche Ausstellung über den Dialog von Bärbel Rothhaar mit einem Bienenvolk

Andreas Hergeth

Im Baum vor der Galerie Kunstflügel hängt ein Bienenhäuschen. Leises Summen ist zu hören, doch keine einzige Biene schwirrt durch die Luft. "Weil sich in Nachbarschaft ein Restaurant befindet", erklärt die Berliner Künstlerin Bärbel Rothhaar, "mussten wir auf die Bienen leider verzichten." Das ist schade, aber nicht schlimm. Denn die fleißigen Insekten spielen die Hauptrolle in der Ausstellung "Wildwuchs - Dialog mit einem Bienenvolk."

Vor 20 Jahren zog Bärbel Rothhaar nach Berlin, studierte hier an der Hochschule der Künste und in New York. Seit zehn Jahren malt sie mit Wachs, das dazu erhitzt wird. Und als sich vor vier Jahren ein Freund einen fahrbaren Bienenwagen zum Wohnwagen ausbaute, dienten die Holzrahmen, in denen sonst die Bienen ihre Waben zaubern, fortan der Künstlerin als Rahmen für ihre "Wachsbilder" und Objekte. Auf den Bienenfenstern lassen sich Spuren der Bienen finden, Reste von Waben. "Mit der Zeit fand ich diese Strukturen immer interessanter", erzählt Bärbel Rothhaar. Also beschäftigte sie sich mit diesen organischen Hinterlassenschaften und wurde in der Kunst- wie Kulturgeschichte fündig: "Zeugnisse für die Verwobenheit der menschlichen Kultur mit den Bienen lassen sich von der steinzeitlichen Höhlenmalerei über ägyptische Mumienportraits bis hin zur Honigpumpe von Joseph Beuys finden." So zeigt dann auch ihre Arbeit "Mummy - falsch verbunden" eine Mumie, die entweder auf- oder abgewickelt wird. Tentakeln gleich winden sich fünf Binden von der Mumie und damit aus dem Bild und enden in Zeichnungen, die Arm und Bein zeigen, die verbunden werden. "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die eingewickelte Mumie eine Kopie des Insektenkokons ist", so Rothhaar. "Und Honig wurde als Mittel zur Einbalsamierung verwendet."

Eines Tages entdeckte die in Moabit lebende Künstlerin in einem Schulgarten Bienenvölker. Bernd Brunner-Klenk vom Moabiter Ratschlag e. V. bringt Kindern die Imkerei nahe und fand die Idee spannend, seine Lieblinge in ein Kunstprojekt einzubeziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Denn Bärbel Rothhaar übergab ihre Objekte und Zeichnungen in den Rahmen den Bienen auf Zeit. Sie bauten ihre Waben rund um die Kunst. So schufen die jetzt ausgestellten Arbeiten Mensch und Bienen in künstlerischer Symbiose. Bei diesem Dialog kam höchst interessanter "Wildwuchs" heraus. In einem Objekt, das aus Tierknochen besteht, haben die Bienen ihre Waben einfach kreisförmig um die Knochen herum gebaut. Bei zwei Unterkiefern von Schafen wurde nur der weiß bemalte und beschriftete Unterkiefer mit in die Wabenbauerei einbezogen, den vergoldeten Kiefer ignorierten sie völlig. Papier haben sie dagegen zum fressen gern, wie eine anderes Objekt zeigt.

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