Winterspiele 2014 : Präsident in sportlicher Mission

Russlands Präsident Putin legt sich derzeit in Guatemala für die Olympiabewerbung des Schwarzmeerortes Sotschi ins Zeug. Gegenüber Salzburg und Pyeongchang können die Russen mit dem dicksten Geldbeutel aufwarten - Favorit sind aber die Südkoreaner.

Sven Busch
Putin
Ankunft des Heilsbringers: Putin mit Guatemalas Außenminister Gert Rosenthal. -Foto: AFP

Guatemala-StadtVerheißung statt Verbalattacken, Versprechen statt Verschwörung: Salzburg, Pyeongchang und Sotschi geben in der Wahlschlacht um die Olympischen Winterspiele 2014 ihr Letztes. Spätestens nach der Ankunft Wladimir Putins schien in Guatemala-Stadt aber nur noch ein Thema interessant: Wie viel Macht hat Putin wirklich? Die Politik- und Sport-Prominenz der drei Bewerber ließ im Endspurt keine Gelegenheit aus, die 97 stimmberechtigten IOC-Mitglieder zu becierzen, bevor IOC-Präsident Jacques Rogge in der Nacht zum Donnerstag (ein Uhr/Eurosport) im Ballsaal des "Real Intercontinental"-Hotels die Siegerstadt verkünden wird.

"Es wird ähnlich eng wie bei der Vergabe der Sommerspiele 2012 in Singapur", sagt Rogge, "die menschliche Komponente spielt eine große Rolle." Vielleicht sogar die entscheidende. Dabei sind die Frontmänner gefragt. Die Kandidatenstädte haben sich ihre Meinungsmacher in der letzten Werbe- und Charmeoffensive sorgfältig ausgesucht

"Ihr werdet Augen machen"

Wie ein Heilsbringer schwebte Kremlchef Putin am Abend nach seinem Gipfeltreffen mit US-Präsident George Bush in Guatemala ein. Das politische Schwergewicht aus Moskau könnte in der Parade der politischen VIPs den unentschlossenen IOC-Mitgliedern ganz besonders schmeicheln. "Putin ist der Kapitän unseres Teams. Ihr werdet bei unser Schlusspräsentation Augen machen", versprach Eiskunstlauf-Olympiasieger Jewgeni Pluschenko. Während der finalen 45-Minuten-Präsentation soll Sotschi selbst auf der Internationalen Raumstation ISS in Szene gesetzt werden. Per Losentscheid werden die Russen beginnen, gefolgt von Salzburg und Pyeongchang.

Sotschi klotzt. Auf einem künstlich eingerichteten Eiskunstlauf-Oval in unmittelbarer Nähe des IOC-Hotels wurde Pluschenko zum Pirouettendrehen eingeladen, der viermalige Schwimm-Olympiasieger Alexander Popow hat Kindern aus der Gegend bereits eine Schwimmstunde gegeben. "Wenn es in Guatemala ehrlich läuft, haben wir beste Chancen", tönt Putin. Der Hobby-Skiläufer hat die Bewerbung längst zur Chefsache gemacht und die Zwölf-Milliarden-Investition zur Weiterentwicklung des Badeorts am Schwarzen Meer zu einem Ganzjahresressort persönlich garantiert. Die elf geplanten Wettkampfstätten gibt es bisher aber nur als Computersimulation.

Ein Käfig für Putin

"Für mich ist Putin ein Delegationsmitglied wie jedes andere", sagt IOC-Mitglied Willi Kaltschmitt, Guatemalas Tourismusminister und Gastgeber der Vollversammlung. Dass sich viele der knapp 2000 Sicherheitskräfte aus Militär, Polizei und Geheimdienst nur um Putin kümmern, ließ er unerwähnt. Der Distrikt "Zona 10" mit den internationalen Hotels gleicht einem hermetisch abgeriegelten Sicherheitskäfig.

Südkoreas Präsident Roo Moo-hyun und Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer nahmen sich zurück und stellten bei ihrer leidenschaftlichen PR-Arbeit den Sport und die Athleten in den Vordergrund, wohlwissend, dass ein Erfolg Sotschis eine Richtungsänderung des IOC in Sachen Auswahlkriterien für zukünftige Winterspiele bedeuten würde. "Das ist vielleicht die letzte Chance für Österreich, Winterspiele zu bekommen", gab Österreichs Ski-Legende Toni Sailer zu, "wir haben nicht so viel Geld." Sailer, Franz Klammer, der dreimalige Rodel-Olympiasieger Georg Hackl aus Berchtesgaden und Doppel-Olympiasieger Felix Gottwald leihen der Salzburger Kandidatur ihr Gesicht.

Gesamtkoreanisches Team?

Die favorisierten Südkoreaner, bei der Vergabe der Spiele 2010 nur knapp an Vancouver gescheitert, liegen in der goldenen Mitte zwischen Salzburgs Traditionsbewerbung und dem finanziellen Overkill der Russen. Der größte Trumpf der Asiaten ist die Wiedervereinigungskarte. "Wir werden bei der Eröffnungsfeier gemeinsam mit Nordkorea einmarschieren und hoffen, dass wir auch als ein vereintes Team auftreten werden. Unser Erfolg würde die Wiedervereinigung beschleunigen", stellte Moo Roo-hyun in Aussicht. Dass Pyeongchangs Bewerbung mehr als großzügig vom IOC-Sponsor Samsung unterstützt wird, passt ins Bild der undurchsichtigen Wege bei der Vergabe der Festspiele. Salzburgs "Low-Budget-Bewerbung" (Hackl) mit einem 965 Millionen Dollar-Etat wird zumindest nicht mit vermeintlicher Käuflichkeit der Spiele in Verbindung gebracht.

Schließlich ist der ehemals kleine Bruder der Sommerspiele längst erwachsen geworden. Und so hat das Milliarden-Unternehmen Winterspiele allen Kandidaten emotionale Versprechen entlockt. Die Mozartstadt wirbt mit der Bob- und Rodelbahn im bayrischen Königsee und "Winterspielen des Herzens", Pyeongchang mit "Friedensspielen" und Sotschi mit seinen Extremen. Salzburgs Bewerbungsbudget soll bei nur 13 Millionen Dollar liegen, Pyeongchang hat für die Kampagne immerhin 40 Millionen ausgegeben und Sotschi sogar 60 Millionen Dollar. "Geld ist nicht das Problem", so Russlands Vize-Premierminister Alexander Schukow, "wir betrachten es sowieso als wirtschaftliche Bewerbung." (mit dpa)